Keep on rockin’ in a free world?

Europas Festivals im Zeichen der Flüchtlingsdebatte

Festivals leben die Idee von Freiheit und Liebe und vertrauen auf die Grenzen überschreitende Kraft der Musik. Überall auf der Welt und in ganz Europa. In ganz Europa? Wie verträgt sich diese Utopie mit dem Zeitgeist, der sich nicht davor scheut, Fremdenfeindlichkeit, Extremismus, Nationalismus und Grenzschließungen zu einem Revival zu verhelfen? Wie positionieren sich Festivals gerade an den Orten, wo besonders kritisch mit Flüchtlingen umgegangen wird, wo sie abgelehnt werden? Sind das nicht eigentlich genau die Orte, wo man glaubte, Freiheit würde aufgrund der eigenen jüngeren Geschichte als hohes Gut begriffen?
Text: Holger Schmidt ,
Foto: Timmy Hargesheimer
Hans-Dietrich Genscher ist tot. Das ist für die Festivalwelt erst mal nicht die größtmögliche Neuigkeit. Genscher war aber eine Schlüsselfigur, als Ende der Achtzigerjahre Grenzen überwunden wurden, die für Jahrzehnte – in Beton gegossen und stacheldrahtbewehrt – West und Ost voneinander getrennt hatten. Sein »Ich bin gekommen, Ihnen mitzuteilen ...« eröffnete den Menschen in der Prager Botschaft der BRD die Möglichkeit, nach West-Deutschland auszureisen. Menschen, die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen auf der Suche nach einem besseren Leben gewesen waren. Während ein Ostblockstaat nach dem anderen die Grenzen öffnete, fiel auf dem Balkan das ehemalige Jugoslawien in einen fürchterlichen Bürgerkrieg, dessen nationalistisch motivierte Gräueltaten im übrigen Europa für Entsetzen sorgten. Der Konflikt wurde überwunden, die Folgen beschäftigen uns bis heute.

Auf die Öffnung folgte eine für die Festivalkultur entscheidende Welle gesellschaftlicher Veränderung. Menschen trafen sich, entwickelten Visionen für sich, und es entstand eine starke, selbstständige und offene Jugendkultur im Osten, wie es im Rest Europas längst der Fall war. Der eiserne Vorhang war weg – ein für alle Mal. Dachte man ...

Ein Vierteljahrhundert später fällt ein neuer Vorhang. Menschen – in diesem Fall Geflüchteten – wird der Weg durch Europa und ihre Verteilung innerhalb Europas verwehrt. Begleitet wird dies von einem deutlichen Wiedererstarken von Nationalismus, Xenophobie und Abgrenzung. Der bunten, internationalen Festivalphilosophie steht dieser Rechtsruck diametral entgegen und führt zu neuen Herausforderungen. Dies gilt für die gesamte europäische Festivallandschaft, insbesondere aber auch für die vergleichsweise junge Branche Osteuropas, deren Protagonisten sich längst auch bei westeuropäischen Fans etabliert haben.

»Wir leben in sehr bewegten Zeiten. Wir werden mit schockierenden News konfrontiert, die uns Terror und düstere Philosophien zeigen. Ich bin davon überzeugt, dass Musikfestivals zu organisieren – Events, die immer Freude und jugendliche Energie ausstrahlen – uns in die Lage versetzt, eine Abwehr gegen blinden Terror aufzubauen«, sagt Jurek Owsiak. Jurek ist ein polnisches Original mit bewegter Biografie. Als Kopf des »Großen Orchesters zur Weihnachtshilfe« erlangte er Berühmtheit, weil er gemeinsam mit 120.000 Freiwilligen für eine bessere medizinische Versorgung in Polen kämpfte. Aus dem Dankesfest für die Helfer entstand Przystanek Woodstock (Haltestelle Woodstock), ein dreitägiges eintrittsfreies Riesenspektakel mit bis zu 250.000 Besuchern am Tag. Jurek ist Gesicht und Stimme dieses Festivals und sieht, was derzeit vor sich geht: »Das Flüchtlingsproblem ist so schwerwiegend: Tragische Fälle von Terrorismus sind verwoben mit tragischen persönlichen Geschichten unschuldiger Menschen, die ihre Heimat verloren haben und sich in einer sonderbaren fremden Welt wiederfinden – mit der Utopie, diese Welt sei perfekt.«

Dass sie das nicht immer und nicht für jeden ist, ist eine Erfahrung, die Hilfe- und Schutzsuchende in ganz Europa machen. »Diese Menschen werden als Problem angesehen und auch so behandelt. Vielleicht sollte ihnen jemand ein buntes Europa mit großartiger Atmosphäre zeigen – so wie bei Woodstock. Das Woodstock Festival Polen ist wie eine riesige Stadt, in der es von Leben, Freundschaft, Toleranz und Rücksicht wimmelt.« Jurek will Syrern aus dem unweit des Festivals gelegenen Flüchtlingsheim diese Stadt zeigen, weil er sicher ist, dass ihnen die besondere Atmosphäre des Festivals guttun wird. Ein Ort, an dem sich die Besucher gegenseitig helfen, an dem sie feiern, an dem aber auch diskutiert wird – mit internationalen Gästen und Einflüssen.
 
Ob die Flüchtlingsthematik mit all ihren Begleiterscheinungen ein offizielles Thema im Debatten- und Akademieprogramm des polnischen Woodstock wird, ist indes nicht sicher. Wohl auch, weil es in Polen aktuell nicht so selbstverständlich und einfach ist, Position zu beziehen, wie dies etwa das Münchner Tollwood Festival Zeit seines Bestehens seit 1988 tut. »Wir verstehen uns als ein multikulturelles Festival. Toleranz, Internationalität und Offenheit sind die Grundpfeiler von Tollwood. Wir versuchen, auf dem Festival die Welt zusammenzubringen. In Zeiten politischer Unsicherheit ist diese Botschaft sicherlich wichtiger denn je«, ist Christiane Stenzel, Leiterin der Tollwood-Pressestelle, überzeugt und weiß um die besondere Verantwortung: »Gerade bei Großveranstaltungen sollte man sich als Veranstalter der Verantwortung bewusst werden, die man gegenüber den Menschen hat. Ein friedliches Miteinander, Offenheit und Toleranz können hier zentrale Botschaften sein – mit großer Wirkung.«

Es sind Botschaften, die weit über die räumlichen und temporären Grenzen des Festivals hinausgehen. Tollwood stößt Themen an, die über die jeweils vier Wochen Festivaldauer im Sommer und Winter hinaus akut bleiben, und widmet sich ihnen in unterschiedlichster Form. So stand beispielsweise mit dem »Weltsalon« ein gesamtes Venue des vergangenen Winter-Tollwood unter dem Motto »ÜberLebensWert: Heimat. Flucht. Beweggründe«. München, das wie keine andere deutsche Stadt im vergangenen Jahr mit der gewaltigen Zahl von ankommenden Flüchtlingen konfrontiert war, erlebte hier Benefizkonzerte, Ausstellungen und Diskussionen zum Thema und Aktionen wie das »Munichpicnic«, bei dem sich Einheimische und Flüchtlinge begegneten. Im kommenden Sommer werden im Rahmen des »Folk-Music Mash-up« unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit Münchner Jugendlichen musizieren und sich kennenlernen.

Noch größer als der gewiss nicht geringe Einfluss Tollwoods auf das bayerische Kulturleben ist das, was das Sziget Festival für Budapest, Ungarn und die ganze Region bedeutet. Während Horst Seehofer offenbar völlig unkritisch den Schulterschluss mit Ungarns umstrittenem Regierungschef Viktor Orbán sucht, findet sich mitten in Budapest auf dem Obudai Sziget (Obudai Insel) mit dem Sziget Festival die »Island of Freedom«. Mitten in der Hauptstadt des Landes, das Grenzzäune errichtet und paneuropäische Flüchtlingsverteilung rigoros ausschließt, kommen im August jeweils 80.000 Gäste aus etwa 90 Ländern für eine Woche auf der »Freiheitsinsel« zusammen.

»Es ist wichtig zu erklären, was wir mit dem Begriff ›Freiheit‹ überhaupt meinen, er ist eigentlich doppeldeutig«, meint Andras Berta, International Relations Director des Sziget Festivals. »Auf der einen Seite beschreibt er ein allgemeines Lebensgefühl. Wir glauben daran, dass du frei bist, alles zu tun, solange du niemandem schadest oder die Freiheit eines anderen einschränkst. Es geht uns darum, Toleranz und Unterschied zu respektieren, aber ohne jeden Druck.« Dem gegenüber stehe die Wahlfreiheit, die sich im breit gefächerten kulturellen Programm und den weiteren Angeboten des Festivals widerspiegele. Sziget sucht die Lösung also im Entstehen einer eigenen Gesellschaft auf Zeit. Die Szitizens feiern ihre Freiheit auf ihrer eigenen Insel mit einer eigenen Philosophie und einem Programmheft, das aussieht wie ein Pass. Gegen allen Argwohn von außen wollen die Veranstalter den Fans zeigen, dass eine offene Gesellschaft erstrebenswert ist. Indem sie dies beim Sziget am eigenen Leib erfahren, ändern sich vielleicht auch die Erwartungen an ihr eigenes Leben, wenn sie wieder nach Hause fahren – so die Hoffnung.

»Sziget ist Meinungsführer im kulturellen Leben Mittel- und Osteuropas«, so Berta selbstbewusst. »Dadurch sind wir in vielen Fällen der Zugang zu einer neuen Kultur für junge Generationen – und das ist eine große verbindende Kraft.« Mit Blick auf die ihn umgebenden politischen Verhältnisse lehnt er direkte Agitation allerdings ab und fügt hinzu: »Wir repräsentieren den wirklichen Wert einer offenen Gesellschaft, statt politische Ideologien zu propagieren.« Es geht eher darum, dass die dort gemachten Erfahrungen die Entscheidungen jedes Einzelnen beeinflussen. »Schauen wir uns Ungarn an: Dieses Festival spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Landes«, ist sich Berta bewusst, »weil es das Denken der jungen Generationen beeinflusst – und das friedlich und ohne Druck. Ich denke, das ist viel effektiver als Politik.«

Und so präsentiert Sziget neben weltbekannten Bands Aktionen und Organisationen für Menschenrechte und Nachhaltigkeit: Im »Magic Mirror« ist der Treffpunkt für die schwul-lesbische Szene, während fremde Kulturen sich auf der World Music Stage oder im Africa Village wiederfinden. Wie schon im Vorjahr werden auch 2016 Zelte gesammelt, um sie Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen, und das Thema Immigration soll in diesem Jahr in den Mittelpunkt des Festivals gestellt werden. 

Die Offenheit und integrative Kraft von Festivals sind ein internationales Selbstverständnis und Konsens in der Branche. Auch bei FKP Scorpio, dem mit über zwanzig Festivals in sieben Ländern größten Festivalveranstalter Europas, klingt das nicht viel anders: »Unsere Einstellung war schon immer, dass Musik grenzenlos ist, auch, als wir ›nur‹ in Deutschland veranstaltet haben«, sagt Geschäftsführer Stephan Thanscheidt. »Es gibt wenig, was die Menschen über alle gesellschaftlichen, sozialen, religiösen, politischen, Gender oder sonstigen Unterschiede hinweg so zu einen vermag wie Musik. Von daher sind wir uns einfach treu geblieben.«

Über den Sommer bringen die Hamburger Veranstalter mehrere 100.000 junge Menschen aus ganz Europa und der Welt zusammen, lassen sie ein Wochenende lang eine gute Zeit miteinander verleben und individuelle Unterschiede durch gemeinsame musikalische Vorlieben und Erlebnisse vor Ort unwichtig werden. Nicht selten ergeben sich daraus neue Freundschaften, und am Ende wird auf diese Art wie auch bei Sziget in Ungarn, Pohoda in der Slowakei oder dem polnischen Przystanek Woodstock der europäische Gedanke gelebt. Wenn dies dazu beiträgt, dass Ressentiments gegenüber Fremden und anderen zumindest bei einigen schwinden, dann wäre bereits etwas erreicht, so Thanscheidt.

Aber sollten Festivals oder kulturelle Veranstaltungen nicht auch politisch Position beziehen gegenüber dem, was im jeweils eigenen Lande gerade passiert? Die Antwort von Veranstalter Thanscheidt fällt grundlegend aus: »Für unsere Festivals gesprochen gelten selbstverständlich und ohne Ausnahme die Menschenrechte – Punkt. Das ist für uns so selbstverständlich, dass wir das nicht noch extra kommunizieren müssen.« Doch auch wenn er die Festivals eher als unpolitisch ansieht und drei sorgenfreie Tage mit ganz viel Spaß und Musik für die Besucher ohne moralischen Überbau im Vordergrund stehen, gibt es ein Faible für gesellschaftspolitische Themen. Institutionen, die sich wie Amnesty International, Laut gegen Nazis, Kein Bock auf Nazis oder Viva Con Agua für Menschrechte und Nachhaltigkeit einsetzen, sind regelmäßige und gern gesehene Partner auf den FKP-Scorpio-Festivals.

Zum Schluss noch ein Blick nach Serbien: In der historischen Stadtfestung von Novi Sad findet das Exit Festival mit seinen 40.000 Besuchern statt. Im Jahr 2000 startete es als Widerstandsveranstaltung gegen das Regime von Slobodan Milošević, dauerte 100 Tage und gipfelte in der »Get Out To Vote«-Party einen Tag vor dessen Abwahl. Ein Jahr später wurden erstmals nach dem Bürgerkrieg kroatische Künstler vor einem großen serbischen Publikum präsentiert. Exit ist also ein sehr programmatischer Name und das Ziel auch weiterhin die Veränderung der Gesellschaft: »Großveranstaltungen mit großem Medien- und Besucherinteresse wie das Exit Festival haben die einmalige Möglichkeit, mit einem Statement Ideen zu implementieren und zu verbreiten und dadurch zu einer besseren Gesellschaft beizutragen«, ist sich Vladimir Vodalov, einer der Programm- und Production-Manager des Festivals, sicher. »Besonders mit einem Hintergrund wie dem des Exit Festivals. Diese Möglichkeit wurde für uns zu einer Verantwortung, und zwar zu einer schönen.«

Dabei beinhaltet die Verantwortung nicht, sich allein um der Politik willen mit ihr zu beschäftigen. Oft aber haben laut Vodalov Themen, die das Publikum beschäftigen, einen politischen Bezug, und in solchen Fällen sind Festivals durchaus politisch beeinflusst und sollten auch einen Standpunkt für positive Veränderungen einnehmen. Das können sie dank ihrer Kommunikationskraft auch mit Nachdruck und nachhaltiger Wirkung tun.

»Manchmal sind Festivals größer als die meisten Städte der Länder, in denen sie stattfinden. Sie haben eine riesige Reichweite online und die Aufmerksamkeit von Hunderttausenden, wenn nicht sogar Millionen«, macht er verständlich. »Diese Tatsache und diese Zahlen sind die Möglichkeit und das Werkzeug der Festivals, Veränderungen zu bewirken. Wir dürfen auch die Kultur und ihren Einfluss auf unser Leben nicht vergessen. Kultur ist die Universalsprache, mit der die Message verbreitet wird.« Mit der richtigen Message zur richtigen Zeit lässt sich also auch und gerade auf Festivals die Welt verändern. Was klingt wie eine Traumvorstellung, darf man mit Blick auf die Wurzeln des Exit Festivals durchaus als belegten Erfahrungswert verstehen. Und so klingt auch Vodalovs Einschätzung der aktuellen Situation zwar pragmatisch, angesichts der Entstehungsgeschichte des Festivals aber durchaus verständlich: »Krisen gab es in der Welt schon immer und wird es immer geben, so ist das Leben – eine Aneinanderreihung von Problemen, die wir zu lösen versuchen müssen«, sagt Vodalov. »Es ist wichtig, dass wir es immer weiter versuchen, und alle Festivals sollten dafür ihr Bestes geben.«

Für Vodalov stehen Festivals für Freiheit, Liebe und Kreativität. Es sind Orte, an denen Probleme gelöst werden können – und sei es zunächst nur für die Zeit des Festivals. Wenn die Besucher einen Teil dieser positiven Energie mit nach Hause nehmen, macht das bereits einen kleinen, aber wichtigen Unterschied. Augenzwinkernd setzt er hinzu: »Außerdem ist es völlig unmöglich, sich vorzustellen, ein gutes fremdenfeindliches Festival zu veranstalten.«

Ein Mission Statement für Europa

Im März 2016 veröffentlichte Yourope, die europäische Festival Association mit nahezu 100 Mitgliedern aus 27 europäischen Ländern, ein »Mission Statement«. Es beschreibt Werte und Ziele, auf welche sich die Festivals verständigen, für die sie stehen und die sie durch ihr Wirken erreichen wollen. Dazu gehören das Leben der europäischen Idee ebenso wie friedvolle Gemeinsamkeit verschiedenster Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, Hautfarbe, Glaube, sexueller Präferenz oder Herkunft. Festivals in Europa stehen für kulturelle Vielfalt, die Menschen verbindet, fördern Nachhaltigkeit, Austausch und tragen soziale Verantwortung für die Zukunft Europas und die Generationen, die uns folgen. Die Vereinigung, der unter anderem Roskilde Festival (DK), Pinkpop (NL), Wacken Open Air (D), Woodstock Festival (PL), Exit (SRB), Pohoda (SK) und Sziget Festival (H) angehören, lädt alle Festivals und alle, die mit Festivals arbeiten oder verbunden sind, seien dies Künstler, Dienstleister, Medien oder Fans, ein, sich anzuschließen, das Leitbild zu adaptieren und die Message zu verbreiten.

Das gesamte Mission Statement gibt es auf www.yourope.org.