Put some glitter on it! – For real?

Die Glitter-Debatte – Pro & Contra

Glitzer gehört zu Festivals wie Schlamm, Gummistiefel und Bier Pong. Stimmt das? Das grassierende Glitzer-Faible als Mode-Phänomen ist gar nicht mal so alt und manche Festivals kommen bis heute ganz ohne aus. Ist Glitzer ein fester Bestandteil der Festivalkultur? Sollte er es überhaupt sein? Choose your side…
Text: Carsten Schumacher ,
Text: Henrike Schröder ,
Foto: Anatol Gottfried
In der Style-Beratung der Fashion-Blogs und Mode-Websites ist klar zu lesen, wie man aussehen muss, wenn man zu einem Festival fährt. Glitzer gehört zum Festival-Look, will man uns glauben machen. Ein Must-have also? Henrike Schröder und Carsten Schumacher haben gleichzeitig den Stift gezückt und nebeneinander sitzend dafür und dagegen argumentiert:

Pro

»Du kannst nicht alles ändern, außer wie du's selber siehst / Du brauchst nicht diskutier'n, du brauchst ein Highlight on-fleek« singt die »Bibi & Tina«-Darstellerin Lina ganz natürlich flippig und folgert: »If the world is bitter, put on some glitter!« Ja, ok, das klingt natürlich abgedroschen – ein bisschen nach Julia Engelmanns Poesiealbum-Sprüchen. Die Zitrone wird zur Limonade. Frischer Wind und ’ne Grapefruit zum Frühstück beseitigen Zweifel und die gemeine Welt wird mit Glitzer zwar nicht unbedingt besser – aber wenigstens glitzert sie.

Ein Beispiel: Rock am Ring am Sonntag. Dreck? Mach Glitzer drauf. Fettiger Ansatz? Glitzer! Kotzlache? Immer drauf mit dem funkelnden Wunderzeug. Ja gut, umweltfreundlich ist es nicht gerade, wenn am Ende 5,0-Bierlachen, Ja!-Bockwurstverpackungen und einzelne Ravioli mit einem bunt schimmernden Glitzerfilter bedeckt sind. Schließlich werden die Mikroplastikpartikel wegen ihrer geringen Größe teilweise nicht in der Kläranlage herausgefiltert und gelangen so ins Meer. Doch die Glitterevolution wurde bereits ausgerufen: Lush setzt schon seit 2014 auf eine mikroplastikfreie Alternative in ihren Produkten und das Internet hält eine breite Auswahl an umweltfreundlichen Glitzeralternativen bereit. Also bitte: »Lass los, dann sind die Hände frei / Für 'ne kleine Handvoll glücklich sein.«

Und einen Vorteil bietet selbst die umweltunfreundliche Variante – gerade wegen ihrer Mikroplastikpartikel: Du wirst ihn – verdammt noch mal – nicht mehr los. Und während Kater, Dreck und Schweiß spätestens zwei Tage nach dem Festival vergessen sind, bleibt Glitzer hartnäckig und sorgt mit jedem neuen Fund für flimmernde Erinnerungsschübe mit Glitzerfilter – #glitterboobs, #glitterroots und #glitterass. Post-Festival-Blues, nimm das!

Contra

Menschen und Elstern eint, dass beide alles unendlich attraktiv finden, was schimmert und glitzert. Und das Zeug haftet an allem. Nicht umsonst lautet ein bekanntes Sprichwort: »Haste Glitter am Schuh, haste Glitter am Schuh!« (später von Fußballern in leicht abgewandelter Form benutzt). In den 70er Jahren blieb Glitter dann am Disco-Phänomen und am exzessiv ausgelebten Hedonismus kleben, wo es die meisten von uns heute noch verorten. Glitter ist halt super, um das Phänomen der statischen Elektrizität zu erklären. Man bekommt ihn nur nicht mehr ab. Und wenn Wasser ins Spiel kommt, wäre er wieder super, um das Phänomen der Gremlins zu erläutern, denn er scheint sich damit zu vervielfachen, plötzlich ist er überall. Am Ende geht er den Weg des Irdischen und »verschwindet« in Waschmaschine oder Spülbecken. Ok, das Zeug ist so winzig, es verschwindet auch noch auf Jahre in allen Ecken und Ritzen oder setzt sich im Kleiderschrank fest, aber das trainiert ja nur die eigene Geduld. Nein, Schluss mit derlei Alltagsfrust, Nickeligkeiten und Plaudereien über die lästigen Nebenwirkungen eines Mode-Phänomens. Glitter ist nicht nur der Alptraum einer jeden Reinigungskraft, der natürliche Feind aller Väter und Mütter und ein relativ sinnloses Mittel, Pickel zu übertünchen. Glitter ist in erster Linie Mikroplastik und damit eine Belastung für die Umwelt. Nein, Glitter ist kein von Feen geernteter Sternenstaub, es ist genau die Sorte Plastik, die man nicht mehr aus der Umwelt entfernt bekommt, die von Tieren und damit letztlich auch von uns verspeist wird. Es ist Teil unseres massiven Mikroplastik-Problems in den Ozeanen der Welt. Tonnen davon gehen täglich in die Weltmeere. Genau das ist der Grund, weshalb Glitter bereits an verschiedenen britischen Kinder- und Vorschul-Einrichtungen verboten ist und Wissenschaftler dringend anmahnen, das Zeug komplett aus unserem Leben zu verbannen. Du isst vegan, verzichtest auf ein Auto, nimmst Jute statt Plastik, schimpfst auf Kernkraft und schmeißt am Ende des Tages mit Glitter um dich? Think twice.

Ok, ja, es gibt auch Firmen, die biologisch abbaubaren Glitter herstellen (z.B. 25g für 17 Euro je Farbe). Wenn die Kosmetik-Industrie, die ebenfalls tonnenweise Glitter/ Mikroplastik in ihre Produkte packt, einmal einen glitzernden Stoff ohne Mikroplastik verwendet, werden die Käufer sehr gut sichtbar darauf hingewiesen – ansonsten natürlich nicht. Und so panieren wir uns weiter. Mit Mikroplastik. Weil es tüncht, alles überdeckt. Wie Bibi-Darstellerin Lina in »Glitzer« singt: »Sieht die Welt beschissen aus, schmeiß ganz einfach Glitzer drauf!« – und dann schmusen wir mit glitzernder Scheiße, weil die Welt »wieder mal ein bisschen zu real« war.
Melt 2015
Bild: Frederike Wetzels