Von abgeleckten Bühnen, frittierten Mitternachtssnacks und Hardcore-Konzerten auf Kneipentheken

Die 9 merkwürdigsten Momente des Eurosonic 2017

Das Eurosonic Noorderslag in Groningen ist ein Tummelplatz des Pop. Das ganze Studentenstädtchen ist dann voller Bühnen und Musiker und nicht wenige davon wollen auffallen. Manche Momente der Merkwürdigkeit entstehen allerdings auch spontan oder weil wir nun mal in den Niederlanden sind ...
Text: Henrike Schröder ,
Text: Carsten Schumacher ,
Foto: Caroline Wiederkehr

1. Der Moment, in dem Max Gruber im Club Vera die Bühne ableckt.

Der Drangsal-Sänger wirkt ausnahmsweise bescheiden, als er vor das niederländische Publikum tritt. Er sei sich absolut bewusst, was für ein traditionsreicher Club dies sei und verweist dabei auf die lange Reihe der Konzerte, die hier in den letzten Jahrzehnten stattfanden. DAF waren hier oder Nirvana. »Ungefähr hier könnte Kurt Cobain gestanden haben«, meint er und um seine Unwürdigkeit unter Beweis zu stellen und etwas vom Ruhm Cobains auf sich zu übertragen, geht Gruber plötzlich zu Boden und macht ernst: Er leckt den Bühnenboden. »It tastes as it looks«, sagt er anschließend. Danach ist das Eis zwischen ihm und dem Publikum endgültig gebrochen.

2. DER MOMENT, IN DEM PLÖTZLICHE 12 ISLÄNDERINNEN ZWISCHEN SPICE GIRLS UND PEACHES AUF DIE BÜHNE STÜRMEN – UND ANFANGEN AUF ISLÄNDISCH ZU RAPPEN: 

Im türkisen Blümchen-Badeanzug, weißen Badelatschen oder rosa Steppmantel rappen Reykjavíkurdætur über Themen wie kranke Politiker, Feminismus und Body Shaming: „We are feminists and kinky!«

3. Der Moment, in dem die Brutus-Schlagzeugerin/ Sängerin Stefanie Mannaerts ihre Band vorstellt.

»Meine besten Freunde«, sagt sie, strahlend auf Gitarrist und Bassist zeigend, »auch wenn sie immer rot werden, wenn ich sowas sage«. Ein kurzer Moment stiller Emotion. Die beiden schauen verlegen lächelnd zu Boden. Dann hackt Stefanie schon wieder Metal-Blastbeats und der Pulk vor der Bühne tobt.

4. Der Moment, in dem The Moonlandingz die Bühne betreten.

Der Keyboarder sieht aus wie ein britischer Professor auf Schmetterlingsjagd samt Umhängetäschchen und Weinflasche mit schlecht ins Gesicht gemaltem Blutrinnsal unter jedem Sonnenbrillen-Glas. Der Bassist wirkt in seinem roten Country-Hemd, Popelbremse und zurückgegelten Haaren wie vom Trucker-Grill abgeholt. Die Gitarristin wirkt wie unter Hypnose und starrt immer ins Leere – wohl aus Gründen der Konzentration. Während der Sänger einen silbern glitzernden Stringtanga trägt, der eine Geschlechtsakt mit einer Diskokugel vermuten lässt. Sein Oberkörper ist bizarr mit Hakenkreuzen überzogen (vielleicht auch, weil das deutsche Fernsehen aufzeichnet) und darüber hüllt er sich in ein »Cape« aus gelber Plastikfolie und geht immer wieder in die Hocke, was ob seines nackten Gesäßes im Publikum Ängste auslöst.
Festival: Eurosonic, 01.2017
Bild: Caroline Wiederkehr

5. Der Moment, in dem es beim Sløtface-Konzert plötzlich schneit. ...drinnen!

Wie sich herausstellt, ist die Friendly Fire Bar anscheinend derart neu, dass der Veranstaltungsraum noch nicht richtig eingewummst wurde. Entsprechend sorgen die Bässe dafür, dass die Farbe von den Dämmplatten der Decke abplatzt und als Trocken-Schnee zu Boden rieselt. Als dann noch Promoterinnen eines Kräuterlikörs in Anzug und mit Kriegsbemalung zur Mittagszeit Shots in Reagenzgläsern verteilen, ergibt alles wieder ein stimmiges Bild.

6. Der Moment, in dem man den Konzertraum verlässt und sich in einem Irrgarten aus Treppen, Bars, Gängen und Restauranttischen verheddert bis man fast aufgibt und beim Kellner bestellt.

Das kommt davon, wenn man den Raum nicht auf demselben Wege verlassen darf, wie man ihn betreten hat und gleichsam davon, dass in Groningen manch alte Häuserzeile derart miteinander verwachsen ist, dass überall Durchbrüche sind und das Haus drinnen mindestens vierfach größer erscheint als von draußen vermutet.

7. Der Moment in dem man plötzlich von der Theke herunter angeschrien wird, weil man zufällig in ein Hardcore-Konzert geplatzt ist.

Nicht nur die einzelnen Kneipen und Clubs Groningens sind größer und verworrener als man zunächst vermutet. Auch die Stadt selbst entpuppt sich manchmal als wahrer Irrgarten. So kommt es schon mal vor, dass man sich auf der Suche nach einer bestimmten Location plötzlich ganz woanders wiederfindet: Inmitten eines Off-Showcases der Post-Hardcore-Band The Charm The Fury, die dicht gedrängt, vor, neben und auf der Theke in einer kleinen Kneipe spielt, sofort zur Wall of Death auffordert und gleichzeitig den Ausgang blockiert.

8. Der Moment, in dem man zufällig das Grand Theatre betritt und sieht, wie zwei Frauen (Rein) so monoton wie radikal das Publikum stresstesten.

Die eine hämmert auf ein Oktopad ein und hat sich ganz im Style von Ricky (TicTacToe) gekleidet, die andere wirkt wie Robyn auf Crack und Crystal, dreht rastlos ihre Runden und schreit das Publikum an. ...Allerdings besser als so mancher Hardcore-Shouter.

9. Der Moment, in dem bei der Party der K.I.Z-/AnnenMayKantereit-Bookingagentur Landstreicher das Frittier-Programm der »heißen Wand« auf silbernen Tabletts als Fingerfood gereicht wird.

Die Niederländer frittieren ja alles, was lang genug stillhält und packen es in kleine einsehbare Schließfächer, aus denen es die Betrunkenen mühsam frei kaufen müssen. Landstreicher haben ihren Gästen diese Mühsal erspart und sogar noch Ketchup und Majo als Dippsoßen draufgepackt.