Bühne kaputt, Backline in Moskau (1999)

»Wenn etwas in die Hose gehen kann, dann tut es das auch.« So ähnlich hat es einmal Murphy formuliert. Könnte Festivalveranstalter gewesen sein, der Mann. Ein Schluss, zu dem man nach Sichtung gesammelter Anekdötchen zum Thema »Open Air Souvenirs« selbst unter Berücksichtigung des Legendencharakters solcher Geschichten unweigerlich gelangt.
Text: Detlev Pirsig
Die Beweislage: Die Loreley war in den 80ern nicht nur Rockpalast-Location, sondern auch Geburtsstätte zweier alternativer Großveranstaltungen und Schauplatz mancher Anekdote.

Das Summerjam, Mekka der kiffenden Mehrheit und beim ‘86er Debüt von der Einsatzleitung der Polizei zur Beruhigung der Veranstalter Carlos Zarmutek und Klaus Maack noch mit »so ein braves Publikum haben wir ja noch nie erlebt« kommentiert, animierte die Herren in Grün später zu immer neuen Höchstleistungen: So wurden eines Jahres in einer beispiellosen Haschgift-Razzia nicht etwa die bekifften Besucher, sondern nur die Medienvertreter gefilzt – mit einer Erfolgsquote von rund 80 Prozent. Als die Polizei, vom großen Erfolg der Aktion angespornt, die Idee äußerte, im nächsten Jahr die Künstler unter die Lupe zu nehmen, sah das Veranstalterteam rot: ohne Ganja kein Summerjam – und, wenn die freundlichen Helfer ihren Plan in die Tat umsetzten, mit Ganja erst recht nicht.

Dass auf der Veranstaltung mit Kräutern vieles leichter läuft, belegt eine Story von Klaus Maack: »Letztes Jahr hatten wir einen Manager einer bekannten Plattenfirma zu Gast am Fühlinger See. Dass der eine Abneigung gegen jede Form von Musik außer Heavy Metal hatte, war allgemein bekannt.« Entsprechend überheblich führte der im Zweireiher erschienene Gast sich auf. Zu dessen Unwillen bestand der Künstler, den er betreuen musste, auf einen Rundgang übers Gelände. Gemeinsam mit einer Pressebetreuerin machte man sich mit besagtem Labelmanager auf den Weg. »Unsere Pressedame kam mit dem Künstler zurück und erzählte, dass er zwar ziemlich pikiert über das Treiben, jedoch hoch erfreut über das Angebot an leckeren Waffeln und Crêpes war. An einem holländischen Stand hat er dann wohl eine besondere Art von Plätzchen erwischt. Wiedergesehen haben wir ihn nachts: strahlend, Bierdose in der Hand, Inner Circle T-Shirt am Leib. Er muss wohl durch den See gewatet sein, seine Armani-Hose war bis zu den Knien nass ...«

Auch Bizarre-Initiator Ernst-Ludwig Harz weiß aus dem Schmähkästchen zu plaudern: Pogues-Frontmann Shane McGowan wurde von seinem Tourmanager persönlich auf die Bühne getragen und vor den Mikroständer gestellt, wo er sturztrunken einen legendären Auftritt hinlegte, um schließlich unter neuerlichem Geleit die Bühne wieder zu verlassen.

Auf einer Pressekonferenz im Backstagebereich gab Andrew Eldritch dem Bizarre '90 erstmals – anderthalb Jahre zu früh – die Reunion der Sisters bekannt, um schließlich zwischen zwei Auftritten die Bühne in St. Goarshausen zu entern, um dem irritiertem Publikum die Botschaft mitzuteilen. Die Reaktionen waren geteilt: Die einen fragten sich, warum Alan Bangs jetzt Sonnenbrille trage, die anderen freuten sich auf einen Auftritt des Prinzen der Dunkelheit. Der allerdings grüßte nur freundlich und verschwand. Weiter im Text: Eine handgreifliche Auseinandersetzung auf dem Londoner Flughafen verhinderte ein Gastspiel von Korn, eine Bus-Panne in Frankreich das der walisischen Brit-Rocker Stereophonics und ein Stromausfall einen Teil des Gigs der Deftones.

Auch das Rockpalast Open Air hat mit ein paar Katastrophen wie einer spontanen Jam Session zwischen Carlos Santana und Dave Matthews aufzuwarten. Oder: Pulp verschifften ihre Backline irrtümlich nach Moskau. Kurz die Auftrittszeit mit Sonic Youth getauscht und die Sache konnte gerichtet werden.

Es ist ein Kreuz mit der Logistik. Das weiß auch Blue Star, Veranstalter der Hard Pop Days. NOFX stellten vor dem Auftritt voll Schrecken fest, dass sie ihren Ranzen ohne Backline geschnürt hatten. Die Terrorgruppe half aus. Nur mit dem passenden Equipment für Trompeter EI Hefe konnten sie nicht dienen. Man versuchte daraufhin, an einem Samstagnachmittag einen den Ansprüchen des Künstlers gerecht werdendes Instrument aufzutreiben. Tatsächlich gelang das Glanzstück, rechtzeitig zum Gig der Band eine Tröte zu finden. NOFX lieferten einen Mords-Auftritt.

Einen ebenso wunderschönen Auftritt gab es laut Stefan Reichmann (Haldern Open Air) von Heather Nova, nachdem diese von einer Libelle gebissen wurde – als Dank an das hilfreiche Veranstalterteam, das sich, dem Charme Novas erlegen, vorgeblich als ausschließlich aus Medizinstudenten bestehend outete.