Sitzen oder stehen

So war das New Fall Festival 2016

Seinem Motto »Beautiful Music, Beautiful Places« wurde das New Fall Festival auch in diesem Jahr wieder vollauf gerecht. Die Veranstalter luden zu 31 Konzerten nach Düsseldorf und erstmals auch Stuttgart ein und boten eine bemerkenswerte, weil genre- und medienübergreifende Bandbreite von Pop.
Autor: Henrike Schröder
Ist Popmusik dem Untergang geweiht? War früher alles besser? Der Autor und Journalist Jens Balzer widmet sich in der Lesung zu seinem Buch »Pop. Ein Panorama der Gegenwart« dem Stand der Popmusik und spricht sich wiederholt energisch gegen Kulturpessimismus aus. Die Passagen, die er vorliest, handeln aber vornehmlich von Themen wie Helene Fischers lächerlich häufigen Outfit-Wechseln bei Konzerten, Rammsteins langweiliger Bühnenshow und Mädchengekreische bei Justin Bieber. Es bringt natürlich Lacher, wenn man erzählt, wie die kleinen Belieber anfangen zu weinen, wenn ihre aufwendig bemalten Plakate in blaue Säcke gestopft werden, weil sie auf dem Konzert verboten sind. Kulturoptimismus sieht aber wohl anders aus und wird von Balzer nur in ein paar knappe Nebensätze gequetscht: Nein, früher war nicht alles besser. Popmusik hat sich lediglich weiterentwickelt, ist heute viel breiter aufgestellt und stellt sich genreübergreifender dar.
 

Er könnte dabei an Kate Tempest gedacht haben, die als Poetin/Autorin/Poetry Slammerin/Rapperin auf der Bühne des Capitol Theaters steht und die Geschichte von sieben Menschen erzählt, die nachts wach liegen und aus verschiedenen Gründen keinen Schlaf finden. Eingangs gesteht sie, sie fände es etwas seltsam, in einem Theater wie diesem zu spielen. Sie bemüht sich aber zusehends, die räumliche Grenze zwischen ihr und dem Publikum etwas verschwimmen zu lassen. Denn eigentlich passt sie mit ihrer Geschichte und dem theatralischen Konzept ihres aktuellen Albums »Let Them Eat Chaos« ganz gut hier hin. Sie spielt das Werk in korrekter Reihenfolge und erzählt darin von Sehnsüchten, Angst und Verzweiflung. Immer wieder setzt ein Beat ein. Er scheint diese gewaltige Wucht an Wörtern etwas strukturieren zu wollen, gibt diese Ambition schließlich aber auf. Trotzdem, oder gerade wegen dieses außergewöhnlichen Konzepts ist Tempest mit ihrer neuen Show sehenswert.   

Etwas früher am Samstagabend steht Agnes Obel mit drei Musikerinnen auf der Bühne der Johanneskirche. Hinter ihnen hängt Jesus am Kreuz, und vor ihnen haben sie eine breiten Instrumentenpark aufgebaut: Cellos, Klarinette, Keyboard, Drum-Pad, Harfe und weitere Percussion-Instrumente­, zwischen denen die vier Musikerinnen im Laufe des Konzerts hin und her wechseln. So füllt ihr sanfter Pop mit starken, dominanten Cello-Parts und dem deutlich rhythmuslastigeren und elektronischeren Einschlag des neuen Albums »Citizen Of Glass« die Kirchenhalle. Nicht nur wegen dieser beeindruckenden Performance ist Obel die Gewinnerin des Festivals, schließlich waren ihre beiden Shows in Düsseldorf und Stuttgart die ersten, für die die Veranstalter »ausverkauft« meldeten.
New Fall Festival 2016
Bild: Thekla Ehling
Für das Capitol Theater, in dem am Vortag Kate Tempest auftrat, hat sich Adam Green für den abschließenden Sonntag ein besonders umfangreiches Programm überlegt: Erst wird sein Film »Aladdin« gezeigt, danach spielt er das dazugehörige Konzert. »Genau der richtige Song zum Sitzen« meint ein Besucher ironisch, als Adam Green, scheinbar bewusst gegen den Takt tanzend, mit den ersten Takten von »Gemstones« einsetzt und die roten Polstersitze anfangen zu beben. Langsam fangen neben den Sitzreihen einzelne an zu Tanzen, dann füllen sich auch die Gänge, sodass Adam Green es am Ende sogar schafft, sein Publikum für ein Stagediving zu formieren.  
Wie schon in den vergangenen Jahren stellt das New Fall Festival seine Besucher mit seinem hochklassigen Line-up vor schwierige Entscheidungen: Soll man sich nun Wilco, Kate Tempest oder Roosevelt anschauen? Ist es lohnender, die Silversun Pickups oder Adam Green zu sehen? Gut war, dass die Konzerte allesamt von einer so herausragenden Qualität sind, dass man keine Entscheidung bereuen muss. Das, gekoppelt mit den außergewöhnlich komfortablen Spielstätten, macht das New Fall zu einem schönen Saisonabschluss. Nur eine Frage umtrieb die Besucher in vielen der Venues: Ist es nun besser, die Band im Sitzen zu sehen, oder würde man lieber stehen?