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Die Sonne und Du
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Reeperbahn Festival 2012

So war der Donnerstag: Dancing is getting expensive

Freitag Mittag, Kaffee und Frühstück sind überstanden. Etwaige Anflüge von Kater werden abgeduscht. Das Reeperbahn Festival 2012 ist in vollem Gange. Zeit für ein erste Zwischenfazit. Die Intro-Redakteure Carsten Schumacher, Christian Steinbrink und Bastian Küllenberg fassen die Ereignisse des ersten Tages zusammen.

16:40 Uhr, Spielbudenplatz, Stage East
Mit ihren Wintermützen mit Norweger-Muster, waren Moustache Prawn aus Süditalien schon bei ihrem Gang über die Reeperbahn eine Stunde zuvor aufgefallen. Jetzt eröffnet die Alternativeband mit dem 90er Touch eine der beiden großen Bühnen auf dem Spielbudenplatz mit einem gemütlichen Showcase. Hier spielen jetzt auch erst mal nur italienische Bands, während den Zuschauern Wurst, Käse und Rotwein gereicht wird. Schräg gegenüber vor der Molotow Bar macht das österreichische Musikexportbüro ähnliches nur mit Kaiserschmarren. Solche Länderparties ziehen sich wie ein roter Faden durch das Reeperbahnfestival.

16:55 Uhr, Festivalzentrale, Conference Room
Gema GEMA-Bashing gucken? Wer mit dieser Amüsierhaltung in das große weiße Zelt vor der Festivalzentrale gekommen ist, um die Diskussion zur Tarifreform der GEMA ,„Dancing is getting expensive“, anzuhören, wird schnell enttäuscht. Stattdessen wird maximales Insiderwissen vorausgesetzt, denn die anwesenden Vertreter der verschiedensten Club-Initiativen aus ganz Deutschland streiten mit Lorenz Schmid von der GEMA z.B., ob nun der UK-Tarif oder der UV-Tarif angebracht wäre. Wer hier nicht schon lange im Thema ist, kommt auch nicht mehr rein. Zumindest wird niemand gelyncht.

17:06 Uhr, Festivalzentrale, Conference Suite
David Hepworth spricht darüber, ob in Zukunft noch jemand Musikmedien braucht und zumindest zu Beginn fühlt es sich an, als würde Opa vom Krieg erzählen. Hepworth, Gründer der Magazine Q und Mojo und ehemaliger Autor bei NME und Sounds, hält sich allerdings nicht lange mit den Berichten aus den Glory Days auf, sondern kommt schon sehr bald zu sehr kulturpessimistischen Thesen. Dass z.B. lange Texte aus den Musikmedien ganz verschwinden, unter denen es eine Art Survival of the fittest geben wird. Und dass soziale Netzwerke eine noch höhere Bedeutung bekommen werden. Und er zitiert Lady Gagas Manager: Wenn die Leute von deinem Act zuerst aus dem Radio erfahren, hast du ein Problem!

20:38 Uhr, Hasenschaukel
Die gemütlichste Bar am Rande der Reeperbahn hält auch in diesem Jahr ein Programm aus Folk, Indie Pop und Singer/Songwriter bereit. Devil Duch Records-Gründer Jörg Tresp veranstaltet hier regelmäßig seine About Songs-Abende und hat sich als Eröffnungsact die sympathischen Niederländer Town Of Saints eingeladen. Mit Akustikgitarre, Violine und viel Leidenschaft im doppelten Gesang stimmt die Band schwungvoll auf den weiteren Abend ein.

21:45 Uhr, Molotow
Wie jedes Jahr ist das Molotow, das sich immer noch standhaft weigert, abgerissen zu werden, zentraler Teil des Reeperbahn Festivals. Und gerade die jüngeren Bands schauen beinahe mit Ehrfurcht auf den sagenumwobenen Club. Etwas entspannter und ganz in ihre Musik versunken geben sich die Dänen I Got You On Tape, sicher auch dank ihre fortgeschrittenen Alters. Das Quartett um den Murder-Sänger Jacob Bellens hat seinen Postrock mittlerweile in einen variablen, aber stets sphärischen Rock umgemünzt, der erst ungewohnt erscheint, dann aber schnell seine Reize offenbart. Die Leute im vollgepfropften Molotow gehen jedenfalls mit, und die Band scheint zufrieden. Zugabenwünsche müssen sie aber dennoch abbiegen: „Wir müssen jetzt gleich wieder nach Kopenhagen zurück“, seufzt Bellens beim Abbauen ins Mikrophon.

22:04 Uhr, Markthalle, Metal Dayz
Endlich mal normale Leute! In der Markthallte gibt es Kutten, Tattoos und Wacken Bier so weit das Auge reicht. Ein merkwürdiger und in seiner Merkwürdigkeit ungemein selbstsicherer Ansager teilt das Publikum in „Heaven“, „Shall“ und „Burn“ ein und jeder Teil brüllt brav mit. Wenn Metaller unter sich sind, machen sie einfach jeden Spaß mit. Und der bricht sich nochmal so richtig Bahn, als die Metalcore-Band Heaven Shall Burn endlich loslegt. Dass die Metal Dayz vom Reeperbahn Festival so herzlich in den Arm genommen wurden, zahlt sich aus, denn immer nur Folk ist ja auch nix.

22:10 Uhr, Planet Pauli
In die Reihe an wirklich skurrilen Läden auf der Reeperbahn in Höhe des Spielbudenplatzes fügt sich das Planet Pauli umstandslos ein. Ist das nun ein Rockclub, oder doch eher ein Tanzstudio? An diesem Abend haben jedenfalls die Schweden den gesamten ersten Stock des Clubs eingenommen. Gerade tosen MF/MB/, ein Sextett, deren Platte so ziemlich alles verspricht, von Space- und Psych-Rock über Pospunk bis hin zu schlankerem, tanzbarerem Pop. Was die Band (mit zwei Schlagzeugern) live aber auf die Bühne bringt, ist irgendwie energetischer Noiserock, aber auch sehr willenlos und indifferent. Die Leute wandern ab.

22:28 Uhr, Hasenschaukel
Die Kinder von Snævar Njáll Albertsson wissen, dass Papi der beste ist. Deswegen trägt der Däne, der sonst auch bei der Indie Rock Band Mimas spielt, den Namen seines Soloprojekt mit besonderem Stolz: Dad Rocks! Ursrpünglich war der Songwriter allein auf Tour, doch zum Hamburg-Gastspiel ist extra eine vierköpfige Band angereist. Unterstützt von Trompete, Kontrabass und Geige nimmt Albertsson die Zuhörer mit auf eine Reise über kurvigen Straßen. Humorvolle Texte und ein charismatischer Sprechgesang tragen ihren Teil dazu bei, dass man mitunter an eine Folk-Variante von Why? denken muss.

22:35 Uhr, Docks
Was ist bloß mit Graham Coxon geschehen? Seine stilistische Unberechenbarkeit ist zwar Legende, aber das geht nun wirklich zu weit. Zu sechst bringen er und seine Band einen völlig undifferenzierten und irgendwie von den Nine Inch Nails infizierten Vollrock auf die Bühne, der von einfachen Rock’n’Roll-Mustern ansatzlos in übles Getöse übergeht. Klingt so Coxons neue Platte? Haben die Blur-Reunion-Konzerte ihn wirklich so versaut? Für den beiläufigen Coxon-Hörer ist das kaum zu ertragen, der Experte konnte beim Berlin-Konzert mehr herauslesen. Das Docks bleibt jedenfalls luftig gefüllt.

22:50 Uhr, Molotow
Zurück ins Molotow. Die Briten Toy sind offensichtlich eine der heiß gehandelten Bands des Festivals, jedenfalls ist es vor dem Club mal wieder proppevoll, als die Band anfängt. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum erscheint heute und ist wirklich schön, eine Psych/Shoegazer-Platte voller erhebender Sounds und Stimmungen. Live bekommt man allenfalls eine Ahnung von ihren ausgefallenen Soundspielereien, stattdessen vor allem: Haare. Die Band macht dem Molotow alle Ehre, und fokussiert sich auf eine speckige Rockshow mit viel Gemoshe. Kann man gut haben, das Album hatte aber etwas mehr versprochen.

23:10 Uhr, Molotow Bar
Ein junger Brite spricht auf der Straße vor dem Molotow die Leute an: Wollt ihr einen Tipp für eine gute Band haben? Der Junge entpuppt sich als Schlagzeuger der Shields und will ein wenig Werbung für den Gig seiner Band machen, der in ein paar Minuten in der ebenerdig gelegenen Bar beginnen soll. Offenbar hat er Erfolg gehabt, denn die Bar ist voll. Die fünf Briten aus Newcastle stehen eng gedrängt auf der Eckbühne und versuchen, trotz Soundproblemen das Beste aus dem Gig zu machen, auf den sie offensichtlich schon länger hingefiebert haben. Und es gelingt ihnen: Sie haben tatsächlich ein paar sehr gute Songs im petto, die harmonisch in den besten Momenten gar an Phoenix erinnern. Ansonsten ist das Moderner, britischer Indie-Pop bei dem man noch mal genauer hinhören kann.

23:35 Uhr, Schmidt`s Tivoli
„Oh Baby!“ Lena Meyer-Landrut ist viel zu aufgeregt. Dabei ist das Schmidt's Tivoli gar nicht so hoffnungslos überrannt wie man hätte befürchten können. Die ehemals durch ungehemmte Leichtigkeit berühmt gewordene ESC-Gewinnerin wird gerahmt von einer Musikerin mit Kontrabass und einer Gitarristin, nebst Drummer und Jazz-Keyboarder mit Kernkompetenz in der Tasche. Es gibt direkt mal „Taken By A Stranger“ in einer jazzy Version, mit vier Takten „Tainted Love“ zwischendrin und einer angestrengt fröhlichen Lena, die immer wieder dazwischenpiepst, wie sehr sie sich freut, hier zu sein. Dem NDR-Publikum gefällts, auch wenn sich keiner wegschmeißt vor Glück. „Oh baby, wenn einer so richtig thirsty ist, hab ich hier auch Getränke auf der Bühne!“, probt Lena Fan-Nähe, muss aber auf die direkte Nachfrage nach Alkohol wieder zurückrudern. „Nur unalkoholische, das ist mein Job!“ Stimmt, genau das ist die Krux. Byebye, Leichtigkeit.

0.44 Uhr, Angie's Nightclub
Die Discokugel flattert durch den Raum, Arme fliegen in die Luft. Josh Dolgin alias Socalled sorgt zum Ende des ersten Festivaltages für Bewegung. Die zweite Zugabe seines begeisternden Sets beendet der Kanadier mit einer Funk-Nummer, die an Parliament gemahnt. Zuvor hatten er und seine Band bereits Klezmer, Ska, Balkan-Pop und Hip Hop durch Mixer und Klarinette gejagt. Im Rausch des Augenblicks lässt sich der MC passend zur Location zu einer spontanen Striptease-Einlage hinreißen. Ein Hoch auf Hornbrille und Baumwoll-Boxershorts.

Aktuelle Berichte und Fotos zum Reeperbahn Festival 2012 findet ihr in den kommenden Tagen auf www.festivalguide.de

Reeperbahn-Festival: Alle Bands auf einen Blick:

Built To Spill, Chakuza, Girls In Hawaii, Jeans Team, Múm, OK Kid, Sea + Air, Shout Out Louds, Urban Cone, Abby, Anika, Anna von Hausswolff, Apologies, I Have None, Benjamin, Champs, Dagobert, Eliza And The Bear, Elliphant, Highasakite, Jacco Gardner, Juveniles, Kreisky, Lilly Wood & The Prick, Marla Blumenblatt, Me And My Drummer, Messer, Owlle, Tubbe, Tunng, Woog Riots, Youthkills