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Die Sonne und Du
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So war das Greenville

Unvergessliche Privatparty bei Berlin

Das Splash wurde durch Marsimoto zum »Green-Splash«, das Melt! versucht durch Meco, grüner zu werden und beim erstmals veranstalteten Greenville, da soll gleich das ganze Festival grün, umweltfreundlich und nachhaltig sein. Ein Festival, dessen Line-up alle Grenzen sprengte.

27.–29.07.12, Paaren / Glien

Das ist dieser Typ, der während dem kompletten Konzert ganz vorne in der Mitte steht, mehrfach umgeschubst wird und dennoch permanent seinen Schuh in die Höhe reckt. Warum, das versteht keiner so wirklich und am Ende versucht er sich auch noch am Crowdsurfen. Das geht nicht lange gut und relativ schnell liegt er am Boden. Doch mit einem Mal springt er auf, verschafft sich Platz und schreit nach Licht. Das wird ihm gegeben, er bückt sich und ehe man sich versieht, hebt er eine Brille auf und gibt sie seinem völlig verdutzten Nebenmann. Einfach schön, dieser Moment bei Gogol Bordello, die das Publikum genauso zum abgehen bringen, wie Deichkind am Ende des ersten Abends. Sie liefern ihre bekannt beeindruckende Show, doch fast noch mehr beeindruckt der Rolli-Fahrer, der direkt vor mir, mitten drin in der tobenden Masse, völlig abgeht, sich von einem Rad aufs andere schwingt und alle Umstehenden zum tanzen und durchdrehen animiert.

»Wie bescheuert.«Olli Schulz

Freitagnachmittag ist von Festivalstimmung auf dem Greenville-Festival noch nicht viel zu spüren, die Sonne drückt und es fehlen die Menschen. Nicht nur auf dem Festivalgelände, auch der Campingplatz sieht nicht wirklich nach einem Festival mit 10.000 erwarteten Besuchern aus. Dafür überzeugt der Veranstaltungsort auf den ersten Blick. Es ist das versprochene, grüne Idyll bei Berlin, die Bühnen wirken imposant und die Wege sind kurz. Während man sich so langsam fragt, wo die Besucher bleiben, legt Talco los und bringt die ersten Besucher schon am Freitagnachmittag zum tanzen. Das Festival läuft da bereits seit vier Stunden. Warum die erste Band am Eröffnungstag um 12:00Uhr auftreten muss, wird eine der vielen rätselhaften Tatsachen dieses Festivals bleiben. Eine weitere zieht Olli Schulz wenig später gekonnt auf: »Ich habe mal auf einem Mittelalterfest gespielt, wo die Besucher mit Talern zahlen mussten, wie bescheuert.«Alle Besucher nicken, sie müssen ihr Geld nämlich in »Token«umtauschen, um dann für 3€ ein kleines Bier zu bekommen.

Das nervt, doch dafür beeindruckt alles andere. Kein Gedränge, keine Schlangen, keine Pöbeleien, kaum Werbung und fast kein Müll, obwohl am ersten Tag nirgendwo Mülltonnen zu finden sind. Die Besucher sind friedlich, gut gelaunt und haben richtig Lust auf Musik, was wiederum die Künstler glücklich macht. Die genießen es, nur vor Leuten zu spielen, die auch wirklich wegen ihnen zur Bühne gekommen sind und nicht wegen dem Headliner im Anschluss. »Das Geile bei diesem Festival ist, dass man um 16:00 Uhr spielt und die ersten acht Reihen nicht besetzt sind mit Leuten, die einen anschauen wie Vieh, das erschossen gehört«, so der begeisterte Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch auf der Hauptbühne.


Das Line-up sprengt nicht nur alle Grenzen, es überzeugt auch die Besucher. Von einer Band, die man gerne sehen würde, geht es zur nächsten. Dass ist vielleicht einer der Gründe, warum auch am Sonntag nicht wesentlich mehr Besucher auf dem Gelände sind. Für Bands die man sehr gerne sehen würde, nicht aber unbedingt sehen muss, sind 85 Euro Eintrittspreis bei einem neuen Festival relativ viel. Wer es aber gewagt oder ein Ticket gewonnen hat, der genießt den pausenlosen Genrewechsel in vollen Zügen. Eben noch wird der grandiose Auftritt von The Roots bejubelt, ehe dieselben Zuschauer beim wohl größten Trash-Act der gesamten Festivalsaison in der ersten Reihe stehen. Ohne jegliche Selbstironie brennen Scooter auf der Bühne ein Hardcore-Techno-Feuerwerk ab, dass die Besucher voller Ironie feiern, als wären H.P. Baxter und seine Kollegen die Größten. Das macht riesigen Spaß und ist allen anderen Festivals unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

So geht es auch am Sonntag weiter, von einem Konzert zum nächsten, von Elektro-Punk zu Cro, von dort zu den Donots, weiter zu Dizzee Rascal und am Abend wartet Iggy Pop mit den Stooges auf alle. Wo man das Konzert erlebt, entscheidet man einfach selbst. Platz ist überall genug und die Stimmung ist überall gut. Wer hinten stehen will steht hinten, wer abgehen will, geht ab und wer auf die Bühne will, den lässt Iggy Pop auf der Bühne tanzen.

Wie grün war das Greenville?

Nachhaltig und grün, das wollte das Greenville sein. Ist es wirklich nachhaltig, den Gastro-Händlern direkt vor dem Festival mitzuteilen, dass man mit 8.000 Besuchern pro Tag rechnet, obwohl sich längst abzeichnet, dass es maximal die Hälfte wird? Ganz sicher nicht, denn so muss am Montag sehr viel gutes Essen weggeschmissen werden. Dieses Beispiel zeigt: Auch das Greenville war kein ökologisches Musterbeispiel, doch eines muss man den Veranstaltern lassen: Sie haben versucht, möglichst viel zu tun, damit die Umgebung nicht unter dem Festival leiden muss. Ob Shuttle-Busse für die Anreise, das Engagement regionaler Firmen, Mülltrennung und durch das Einbinden vieler NGOs. Das sieht auch Patty Schünemann von »Sounds For Nature« so: »Es war mit Sicherheit nicht, wie vorher in der Presse angekündigt, das grünste Festival Deutschlands, doch die Politik der kleinen, umweltfreundlichen Schritte macht Sinn und ist ein Modell für die Zukunft.«Vor allem haben die Veranstalter es geschafft, ihr Publikum von der Idee der Nachhaltigkeit zu überzeugen. Auch nach drei Tagen sah das Gelände besser aus als manch anderes vor Geländeöffnung.

Eins der nachhaltigen Projekte, die sich auf dem Festival präsentiert haben, ist die Leihbar, bei der man dringend benötigte Sachen leihen und gegen weniger Wichtiges eintauschen kann. Ich lerne das Projekt kennen, als ein junger Mann vor dem St. Pauli-Stand seine drei Tage getragene Unterhose gegen ein Bier tauscht.

Greenville 2012, das war dieses Gefühl, Teil von etwas ganz Besonderem zu sein. Weniger als 5.000 Menschen haben in intimster Atmosphäre das geboten bekommen, was für 20.000 ausgelegt war. Das war nicht fassbar und wirkte zu schön, um wahr zu sein. In etwa so, als hätte jemand nur für die Gäste eine Riesenparty geschmissen. Gewinn, so viel ist klar, hat Festivalmacher Carlos Fleischmann mit diesem Festival nicht gemacht. Im Gegenteil. Doch der Plan ist langfristig ausgelegt, erst in drei Jahren soll sich das Festival rentieren, so die Veranstalter. Ein Besucher sagte beim Verlassen des Geländes passend: »Entweder, das Ding ist sofort pleite oder im nächsten Jahr ausverkauft.«

Greenville Music Festival: Alle Bands auf einen Blick:

Bloodhound Gang, Fall Out Boy, Jupiter Jones, Kaiser Chiefs, Nick Cave & The Bad Seeds, Texas Is The Reason, Wu-Tang Clan, Alex Clare, Atari Teenage Riot, Bonaparte, Brothers In Arms, Captain Planet, Death Letters, Efterklang, Findus, Frittenbude, Gemma Ray, Gentleman, Heisskalt, Hoffmaestro, Icona Pop, Japandroids, Katzenjammer, Kollektiv22, Kvelertak, LaBrassBanda, Letzte Instanz, Marathonmann, Maximilian Hecker, Maybeshewill, Ohrbooten, Razz, Rider's Connection, Saalschutz, SAM, Scala & Kolacny Brothers, Sophie Hunger, Tall Ships, The D.O.T., The Fog Joggers, The Inspector Cluzo, The Joy Formidable, The Love Bülow, Thees Uhlmann, Tocotronic, Torche, Tubbe, Westbam, Willy Moon