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Festivalguide
Die Sonne und Du
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Christine Neder unterwegs

Beim Zermatt Unplugged

Christine Neder ist viel unterwegs: Vergangenes Jahr übernachtete sie in 90 Tagen in 90 Betten, 2012 wird sie in 40 Wochen 40 Festivals besuchen und auf ihrem Blog und auf festivalguide.de davon berichten. Vergangenes Wochenende war sie für uns beim Zermatt Unplugged.

17.-21.04.12, Zermatt

»Wenn Newton Faulkner mit einem Kronleuchter durchs Dorf zieht.«

Ich steige in den Sunnegga Express, eine unterirdische Bergbahn, die mich mit 36 Stundenkilometern in 3 Minuten auf die Bergstation bringt. Weiter geht es mit der Gondelbahn nach Blauherd. Dort liegt eine der neun Bühnen auf 2888 Metern über dem Meeresspiegel, die Blue Lounge. Zermatt Unplugged 2012.Zum 5. Mal holt das ca. 5800 Einwohnerdorf am Fuße des Matterhorns, welches man nur mit Elektrofahrzeugen oder Pferdetaxen erreicht, 25 internationale und nationale Künstler ins Dorf. Eine abwechselungsreiche Mischung aus Musik und Bühnen macht das Festival für Besucher und Künstler unvergesslich.
Chris de Burgh, irischer Songwriter und Liebling unserer Mütter, eröffnet dieses Jahr das Zermatt Unplugged auf der Zeltbühne, dem größten Schweizer Rundzelt mit Platz für 2000 Zuschauer. Wenige Stunden vorher wurde das Zelt mit der traditionellen Kronleuchter-Prozession eröffnet. Jedes Jahr wird ein Kronleuchter aus Kristallen, Geigen und Trompeten vom Backstage Hotel Vernissage, wo er sonst im Foyer hängt, durch das Dorf in die Mitte der Zeltbühne gebracht und von den Künstlern, darunter Newton Faulkner, begleitet. Chris de Burgh spielte bereits vor fünf Jahren am Zermatt Unplugged. »Das war so spektakulär!« schwärmt er in der Zermatt Unplugged Sonntagszeitung. »Ich weiß noch, wie ich vom Rettungshelikopter abgeholt wurde und mit einer Filmcrew zuerst um das Matterhorn und dann nach Zermatt geflogen bin. Mit einem sympathischen »Grüezi Zermatt!« begrüßt er die Besucher, macht sein Witzchen über das Matterhorn und erntet dafür tobenden Applaus. Man merkt ihm die 38 Jahre Bühnenerfahrung an, mit der er auch sein erstes Unplugged Konzert ohne Special Effects, Lightshow und Background-Tänzerinnen meisterhaft absolviert. Dafür wird er mit einem euphorischem Publikum belohnt, das mitklatscht, mitsingt und beinahe explodiert vor Begeisterung. Neben Chris de Burgh, hatten die zauberhafte Amy McDonald, die R'n'B-Queen Lauryn Hill, der französische Singer und Songwriter Grégoire und der Soulsänger Aloe Blacc die Ehre, auf der Zeltbühne zu performen.

Neben den großen Bühnen zeigte die New Talent Stage akustische Musik von jungen Talenten von 12 Uhr Mittags bis Mitternacht. Das Pre-Opening auf der 2888 Meter hohen Blue Lounge Bühne legt die super unterhaltsame Band Dabu Fantastic ab, die mit dem Swiss Music Award in der Kategorie Best Talent ausgezeichnet wurden. Die Schweizer Musiker singen und rappen auf Zürichdeutsch und begeistern mit Mundart und den unterschiedlichsten Percussions Skifahrer bei Flammkuchen und Calanda Bier zur Mittagszeit. Es geht in ihren Geschichten um Love, Drugs & Rock'n'Roll, um Coffee to go und Gisbert zu Knyphausens Weisheit »Fick dich ins Knie, Melancholie«. Bei so einem Panoramablick auf das Matterhorn, Sonnenschein und Dabu Fantastic auf der Bühne ist es nicht weit her mir der Melancholie. Die Hände gehen in die Höhe, der unter eingefleischten Fans bekannte Diskofinger und die Mundwinkel gleich mit.

Weniger Freude, dafür Besinnlichkeit in dem Ambiente einer luxuriösen Berghütte, gibt es im Hotel Alex. Man nimmt auf den gedrechselten Holzbänken der Hotelbar platz und lauscht den ruhigen Tönen, die Patrick Bishop einfügt. Filmische Melodien, mit langen Klaviersoli und immer wieder dem Milchschäumer der Hotelbar als Hintergrundgeräusch.

Wenn im Westen über dem Matterhorngipfel hinweg die Sonne untergeht, dann ist es Zeit, sich noch einmal in den Sunnegga Express zu setzen. Nach dem Beobachten des Matterhorns beim Sonnenuntergang, das romantischer ist als die altbekannten Feuerzeug-Kuschel-Stimmung bei Schnulzensongs, wird zu Tisch gebeten und eine Walliser Spezialität serviert, um anschließend im kleinen Hinterzimmer im intimen Kreis von 29 Leuten die unheimliche Schönheit von Anna Aaron zu hören. Ruhige Balladen und Pianoklänge in kuscheliger Kaminatmosphäre.

Vom Berg geht es weiter in den Keller des Backstage-Vernissage-Hotels wo der Abend beginnt und auch endet. Der absolute Sympathieträger des Abends ist Newton Faulkner. Nicht nur, weil er hinter dem Kronleuchter her getappt ist, sonder auch, weil er die geliebten Schweizer Tugenden vereint. Bescheidenheit und Fürsorge. Immer wieder erkundigt er sich nach dem Befinden des Publikums. Diesem enthusiastischen Gitarrenspieler mit dem entspannten Gesang verzeiht man sogar, wenn er mitten im Song abbricht, weil er sich verspielt hat. Ebenfalls im Vernissage spielt Clueso und das Bernewitz Trio, aus dem spontan ein Quartett wurde. Schlagzeug, Kontrabass, Trompete, Gitarre und der poetische Gesang von Clueso experimentierten diesen Abend. Es wirkt alles sehr harmonisch, anstatt wie vorher angekündigt improvisiert.

Nach den Konzerten auf der Club-Bühne geht die Party mit DJs weiter. Clueso will auch noch auf ein Bier an die Bar kommen und hat das versprechen tatsächlich eingehalten.

Die Mischung macht Zermatt Unplugged zu einem beeindruckenden Festival. Auf dem Berg, vor dem Berg amerikanische Größen und regionale Highlights. Man erlebt Musik, Kultur und eine bezaubernde Berglandschaft. Außerdem besonders, die Nähe zu den Künstlern, die man neben der Bühne auch beim Biker im Dorf trifft. Alle wollen wieder kommen. Künstler und Besucher. Noch 365 Mal schlafen, dann ist es auch wieder soweit Zermatt Unplugged wird es 2013  definitiv wieder geben.

Mehr von Christine Neder unter http://www.lilies-diary.com/

Zermatt Unplugged: Alle Bands auf einen Blick:

Bryan Ferry, Die Fantastischen Vier, Mando Diao, Marianne Faithfull, Morcheeba, Rea Garvey, Skunk Anansie, Birgit Bidder, Marlon Roudette, Sheila She Loves You, Sivert Høyem, Stefanie Heinzmann, Umberto Tozzi