So war das Reeperbahn Festival 2010
Von Donnerstag bis Samstag: Die Highlights!
Intro und Festivalguide sind beim 5. Reeperbahn Festival auf dem Hamburger Kiez dabei. Unsere Eindrücke vom ersten Tag lest ihr hier.
Intro und Festivalguide sind beim 5. Reeperbahn Festival auf dem Hamburger Kiez dabei. Unsere Eindrücke lest ihr hier.
Der Samstag: Captain Planet, Musée Mécanique, Nils Frahm, The Chap, Saboteur.
Sonntag, 01:30 Uhr, Knust: Das Konzertprogramm endet mit einem Auftritt der Lokalmatadore Captain Planet im Knust. Könnte es besser und angemessener enden? Schließlich reden wir von einer von höchstens drei besten Punkbands derzeit. Für Auswärtige ist es besonders schön, Captain Planet mal in professionell mit angemessener Anlage sehen zu können, schließlich fährt die Band außerhalb Hamburgs immer noch gerne die Juze-Tour.
Das Publikum feiert eine Party, die Kids versuchen einen kläglichen Moshpit, die Band selbst schwärmt von Frank Turners Konzert vor wenigen Minuten, und König Boris nickt die Songs aus der zweiten Reihe voller Anerkennung ab. Das Reeperbahn Festival hat gehalten, was man sich von ihm versprochen hat. Dieses Konzert ist der endgültige Beweis.
Samstag, 23:45 Uhr, Imperial Theater: Während auf der Reeperbahn der Bär steppt und das Grauen des Wochenendes seinen Lauf nimmt, tritt im angrenzenden Imperial Theater eine der derzeit besten Bands des Indie-Folk auf die Bühne: Musée Mécanique aus Portland pflegen ihr Hippie-Image zumindest optisch mit aller Macht, sind sonnig, friedlich und furchtbar nett und klingen auch genau so. Ihre Songs sind mit Glockenspielen und Orgel-Sounds mehrfach weich ausstaffiert, ihr Chorgesang ist nahezu perfekt. Ihr großartiges Album "Hold This Ghost" klingt deutlich weniger klassisch, die andere musikalische Färbung funktioniert aber mindestens ebenso gut. Sogar dem ausgelutschten "Sloop John B" können sie mit einer entzückenden Tempoversion neue Kraft abgewinnen. Das Publikum zeigt seinen Respekt davor mit ausgedehnten Ovationen.
Samstag, 22:45 Uhr, St. Pauli Kirche: Niemand darf dem Reeperbahn Festival vorwerfen, dieses Jahr stilistisch zu eintönig gebucht zu haben. Schließlich findet mit dem Auftritt des Berliners Nils Frahm sogar ein neoklassisches Piano-Konzert seinen Weg ins Line-Up. Frahm ist in den letzten Monaten auch über das Umfeld des Labels Erased Tapes und Künstler wie Peter Broderick und Ólafur Arnalds europaweit ins Gespräch gekommen, unter anderem sollen sich schon Radiohead als Fans geoutet haben. Deshalb sind viele Leute in der St. Pauli Kirche, die von klassischem Klavier ähnlich unbeleckt sind wie der Autor dieser Zeilen. Begeistert sind trotzdem alle. Speziell nach dem abschließenden Duett mit der Tourpartnerin Rachel Grimes changiert die Stimmung im Saal zwischen atemlos und ungemein wohlig und entspannt.
Samstag, 21:30 Uhr, Knust: Da schauen die zufälligen Besucher des Knust verwundert: Ihnen wurde The Chap als Band aus London angekündigt, begrüßt werden sie von der Bühne herab aber auf akzentfreiem Deutsch. Zwei Handvoll Fans in den ersten Reihen kennen sich besser aus, schließlich hören sie The Chaps wunderbares Album „Well Done Europe“ schon seit Monaten rauf und runter. Den Rest zieht das Quartett aber auch schnell in ihren Bann, denn ihr Konzert ist ein überdrehter Spaß aus Art-Pop, schmissigen Rhythmen, schrägen Tanzeinlagen und Grimassenschneiderei. Sicher einer der kreativsten und lustigsten Auftritte des ganzen Festivals, auch weil die Band sich auf's Sloganism versteht: "My generation needs another me!"
Samstag, 19:45 Uhr, Molotow: Eigentlich ist der Auftritt beim Reeperbahn Festival für Saboteur ein Heimspiel, ihnen scheint aber ein wenig unbehaglich zumute zu sein. Sänger Peter entschuldigt sich jedenfalls beinahe, dass seine Band und nicht die unbekannte, eigentlich geplante Gruppe auf der Bühne des Molotow steht. Denjenigen, die früh genug von dieser Änderung erfahren haben, macht das nichts aus – im Gegenteil. Schließlich ist Saboteurs 2008 auf Defiance Records erschienenes Album „A Place Where Painters Meet“ eines der unentdeckten Postcore-Highlights der letzten Jahre. Einen Hinweis auf ein mögliches neues Album gibt die Band an diesem Abend dennoch nicht. Sei's drum.
Auf der nächsten Seite – Der späte Freitagabend: Wolf Parade, Gonzales, PVT u. v. a.
Der Freitag: Wolf Parade, The Mountains & The Trees, Timber Timbre, Horse Feathers, Cee Lo Green, PVT, Gonzales, This Will Destroy You
Samstag, 01:20 Uhr, Knust: Zwei Rocker hängen ihre speckigen Lederjacken mit selbstbewusster Pose an eine Säule direkt vor der Bühne im Knust. Obwohl es eine Garderobe gibt. Das ist mal eine Ansage. Nach 3 Minuten nehmen sie ihren Jacken wieder an sich und gehen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass diese Band nicht rocken will: This Will Destroy You aus dem Postrock-Umfeld Explosions In The Skys beschließen im Knust den Abend. Ihre wahrhaft elegischen Stücke mögen im weiten Feld des Genres nicht besonders herausstechen, sie funktionieren aber als Epilog einer vielseitigen Konzertnacht bestens. Während sie von der Bühne herab gar kein Wort herausbringen, sind sie danach in wahrer Plauderlaune. Speziell ihr neuer Drummer Alex ist das erste Mal in Europa und überfordert von all den Eindrücken, die er während der letzten Tage auf Tour gesammelt hat. Ihm und seinen Kollegen ist auch nicht entgangen, wie großartig Borussia Dortmund gegenwärtig in der „German Bundesliga“ aufspielt, und sie bedauern, nicht morgen ein paar Meter weiter im Millerntor-Stadion sein zu können. Denn dort wird Dortmund ein Feuerwerk abbrennen, da sind sich alle einig.
Samstag, 01:15 Uhr, Uebel & Gefährlich: Bei Audiolith ist Saalschutz an der erkennbar richtigen Adresse. Die Zürcher fackeln hier ein irres Set ab, der Laden tobt. Gleichzeitig wird hier ein Video gedreht und es erscheinen Gäste befreundeter Bands wie Egotronic, Plemo oder Frittenbude und auch Gründer Lars Lewerenz kann niemand von der Bühne fernhalten. Merke: Wenn der Panda crowdsurft, brennen dir die Irren von Audiolith gerade die Boxen nieder. Alles droht immer wieder aus dem Ruder zu laufen, aber speziell dafür ist die Crew ja vom Fach und übernimmt am Ende des Auftritts die Fahne mit einem furiosen DJ-Set.
Samstag, 00:05 Uhr, Fliegende Bauten: Im Programmheft für diese Uhrzeit in den Fliegenden Bauten steht Gonzales, die Bühne bleibt aber leer. Stattdessen gibt es eine Vorführung des in den letzten Monaten heiß gehandelten Films "Ivory Tower" (http://www.intro.de/film/kino/23061563) von Adam Traynor, der tatsächlich Gonzales, aber auch Peaches und Tiga als Darsteller zeigt. Die schauspielerischen Leistungen der drei wirken etwas ungelenk, trotzdem ist der Film ein absurder Spaß um zwei Schach spielende Brüder und das Mädchen, in das beide verliebt sind. Mit viel Musik, unter anderem einem Schachbrett-Jazzsolo, und ohne Angst vor abgeschmackten Motiven.
Freitag, 23:30 Uhr, Uebel & Gefährlich: Schlachthofbronx beginnen mit dem Durchmischen verschiedenster Sounds und Stile und halten die Tanzfläche schon mal beständig unter Dampf. Das noch etwas abgezirkelte Following lässt die Münchner zu keiner Zeit hängen, das Uebel & Gefährlich heizt auf.
Freitag, 23:20 Uhr, Knust: So langsam wird es hässlich auf der Reeperbahn, man tut gut daran, ein paar Straßenzüge auszuweichen. Im Grünspan stellt Gnarls Barkley-Partner Cee Lo Green sein Soloalbum vor, das ist aber sicher sehr voll. Dann lieber ins Knust zu dem australischen Warp-Act, der in der Zeit zwischen zweitem und drittem Album seine Vokale verloren hat: PVT. Auch hier ist es zunächst nicht voll, obwohl von Beginn weg einiges geboten wird: Das Trio spielt die ambitionierten Songs zwischen Electro, Kraut- und Mathrock ihres tollen aktuellen Albums „Church With No Magic“, mit wilden Schlagzeugeinlagen als übersprudelnde Höhepunkte. Sicher einer der außergewöhnlichen und besten Gigs des Festivals.
Freitag, 22:30 Uhr, Imperial Theater: Mittlerweile dürften die Horse Feathers aus Portland eine Menge Tourerfahrung besitzen. Vor einem zweistöckigen Saal haben sich aber trotzdem noch nie gespielt. Wo soll man da hinschauen? Nach unten? Oben? Zumal man selbst ja auch inmitten einer Kulisse für eine aktuelle Boulevard-Schmonzette steht. Das Quartett um den hell und lieblich singenden Songwriter Justin Ringle freut sich trotzdem darüber, dass alle so aufmerksam zuhören. Sie sind die klassische Folkband auf dem Punklabel Kill Rock Stars, mit Streichern und Banjo und dem leicht melancholischen Frohsinn, der dazugehört. Ihre neue Platte „Thistled Spring“ ist gerade erschienen und hat es in sich.
Freitag, 22:00 Uhr, Uebel & Gefährlich: Nach Junip und vor MIT hat das Publikum weitestgehend gewechselt und das, obwohl es doch im Krautrock sogar tatsächlich ein verbindendes Element zwischen beiden Bands gegeben hätte. Die Fanbase sieht das allerdings als nicht so gravierend an und verweigert schlicht die Schnittmenge. MIT erspielen sich mit einem souveränen Auftritt tapfer Anerkennung, es wird allerdings bald auch klar, dass das hier über einen Achtungserfolg für die Band zumindest an diesem Abend nicht hinausgehen wird. Da lief's auf dem Berlin Festival vor zwei Wochen deutlich besser.
Freitag, 21:35 Uhr, St. Pauli Kirche: Es gibt viele tolle Folk-Acts auf dem diesjährigen Reeperbahn Festival zu sehen, einer der außergewöhnlichen darunter sind sicher Timber Timbre aus Montreal. Ihr selbstbetiteltes Album aus 2009 entwickelt sich nach einer Support-Tour für Broken Social Scene im Frühjahr langsam zum Grower, und ist auch wirklich schöner als es die Aufmerksamkeit im Veröffentlichungszeitraum vermuten ließ. Timber Timbre sitzen als Trio im Gegenlicht vor dem zurückgeschobenen Altar der St. Pauli Kirche direkt gegenüber des Pudels. Ihre Songs klingen mit Geige, Pedal Steel und akustischer Gitarre auf eine schattige Art und Weise charismatisch und avanciert, könnten Western wie auch Gangsterfilm untermalen. Jedenfalls perfekt, um kurz zu verschnaufen und zu genießen.
Freitag: 21:00 Uhr, Hasenschaukel: Die Hasenschaukel ist scheinbar der Ort des diesjährigen Festivals, in den man es tatsächlich nie schafft. Es sei denn, man ist pünktlich. Als The Mountains & The Trees a.k.a. Jon Janes aus einem Dorf im kanadischen Neufundland sein Set beginnt, werden die Türen geschlossen. Janes ist glückselig: Erster Tag in Europa, erstes Konzert, gleich komplett voller Laden. Resultat ist, dass er gut die Hälfte seiner Spielzeit verschwatzt. Immerhin sind seine Monologe unterhaltsam, während seine Folksongs heruntergestrippt etwas verlieren. Trotzdem schön, entschleunigend.
Freitag, 20:30 Uhr, Uebel & Gefährlich: Junip eröffnen den Introducing-Abend und werden auch schon sehnsüchtig erwartet. Selten einen so beliebten Opener gesehen. Die Band spielt ein intensives Set zwischen Indierock und Kraut mit streckenweise äußerst offensiven Neu!-Anleihen und werden dafür imbrünstig gefeiert.
Freitag, 20:15 Uhr, Docks: Wieder bestätigt sich die Regel: Wer pünktlich kommt, darf sich auch bei vermeintlich großen Bands seinen Platz frei wählen. Wolf Parade lassen sich vom Anfangs kleinen Auditorium aber nicht verunsichern. Sie rucken und zucken sich durch ihr Set, um nochmals zu versichern, wer denn tatsächlich hektische Dance-Rhythmen in den kanadischen Indie-Rock gebracht hat. Mittlerweile hat jedes der nur noch vier Bandmitglieder irgendeine Art von Keyboard vor sich stehen. Nach einer halben Stunde ist das Docks dann wirklich voll, und die Band erntet die Früchte ihrer wieder mal ausgelassenen Show.
Auf der nächsten Seite – Der Donnerstag: Jochen Distelmeyer, Ray Cokes, Deer Tick, Hundreds, Life In Films, Murder, Devil Duck u. a.
Donnerstag, 23:45 Uhr, Schmidt's Tivoli: Nur ein paar Meter weiter tritt ein Hamburger Newcomer vor vollem, wenn auch bestuhlten Saal auf: Das Electro-Pop-Duo Hundreds, das unlängst mit ihrem selbstbetitelten Debüt auf Sinnbus Records überzeugte, spielt ein so avanciertes wie tanzbares Set im alten Revuetheater, in dessen Eingangsbereich währenddessen Charleston getanzt wird. Die Songs der Hundreds sind dagegen deutlich futuristischer, abstrakt, unterkühlt und alles andere als kalter Kaffee. Dazu kommt der undurchsichtige, aber charismatische Tanz der Frontfrau Eva Milner und ein Lichtshow, die den besonderen Eindruck dieses ungewöhnlichen Konzertes noch einmal unterstreicht.
Donnerstag, 23:00 Uhr, Docks: Dass Namen beim Reeperbahn Festival nicht die große Rolle spielen, sieht man jetzt im Docks. Mit Jochen Distelmeyer steht so etwas wie der Headliner des Abends auf der Bühne, und in dem traditionsreichen Rockschuppen sind die Reihen noch sehr luftig – der Beginn des Konzerts war allerdings zuvor auch um zwei Stunden nach hinten verschoben worden. Distelmeyer rockt zumindest im ersten Teil seines Sets in alter Manier inklusive ganz alter Blumfeld-Stücke. Das lockt die Hamburger an, auch wenn ihre Ovationen heute merkwürdig müde wirken, der Funke bis zum Ende nicht richtig überspringen will. Unterm Strich bleibt es (vielleicht dadurch) ein durchwachsener und seltsam unterkühlter Auftritt des charismatischen Songwriters.
Donnerstag, 21:15 Uhr, Molotow: Die Bar des Molotow wartet gespannt auf die schwedische Band Torpedo, die gerade vor dem Club mitten auf der Reeperbahn so eine Art einschwörende Mannschaftsbesprechung (Rocco Clein hätte es einen Liebeskreis genannt) abhält. Anschließend stürmt die Formation, die ihren Sound selber gern als "Kraftwerk mit Herz" beschreibt die Bühne und beginnt ihre Performance so charismatisch wie psychedelisch. Während Torpedos Sänger Hogby also oben versucht mit einer betont eindringlichen Präsenz zu hypnotisieren, halten im unteren Bereich Deer Tick ihr Publikum unter Schweiß. Der Club mit der niedrigen Decke ist voll gepackt, die Band aus Providence, Rhode Island ist sichtbar eine der Lieblinge des heutigen Abends. Ihr Indie-Folk/Alt.country-Sound erinnert durch die markant rostige Stimme von John McCauley streckenweise etwas an Two Gallants und begeistert trotz schlechter Sauerstoff-Verhältnisse bis zur allerletzten Zugabe, "La Bamba".
Donnerstag, 20:00 Uhr, Hasenschaukel: Der erste Club, gleich die erste kleine Enttäuschung: Trotz früher Ankunftszeit ist die Hasenschaukel schon brechend voll, Einlass undenkbar. Dort findet der Abend des hübschen Hamburger Labels Devil Duck unter dem Titel "About Songs" statt. Es verwundert schon ein wenig, dass hier so viele Leute gekommen sind, denn das Line-Up ist mit den Schweden Moto Boy und Hellberg & Areskog (ehemals Hederos & Hellberg), den Berlin/Leipzigern Talking To Turtles und den Dänen Murder zwar sehr geschmackvoll, aber sicher nicht besonders prominent besetzt. Aber genau genommen macht das das Reeperbahn-Publikum ja auch sympathisch: Man kennt sich aus und achtet nicht bloß auf große Namen.
Donnerstag, 17:00 Uhr, Schmidt's Theater: Zu den hübschen Ritualen des Reeperbahn Festivals gehört "Ray's Reeperbahn Revue", die Show des ehemaligen MTV-Moderators Ray Cokes. Dieses Jahr wird sie erstmals gefilmt und auf der Website des NDR live ausgestrahlt. Cokes haspelt sich in alter Manier witzelnd durch die gute Stunde, stellt vier Newcomer-Bands des Tages vor, die eine kurze Kostprobe spielen und ihm im Interview gegenüberstehen. So manche Perle lässt sich auch so entdecken, wie etwa die jungen Londoner Folkband Life In Film.
Mehr zum Reeperbahn Festival fortlaufend auf intro.de und festivalguide.de.















