Das war das Berlin-Festival 2010
Live-Ticker & Fotostrecken vom Flughafen Tempelhof
Das Berlin-Festival 2010 ist zu Ende: Zum Abschluss des Bühnenprogramms gaben Hot Chip ordentlich Bumms und Peaches sorgte bei ihrer Show für extraterrestrische Optik.
Das Berlin-Festival 2010 ist zu Ende: Zum Abschluss des Bühnenprogramms gaben Hot Chip ordentlich Bumms und Peaches sorgte bei ihrer Show für extraterrestrische Optik.
>>> Ihr lest den gemeinsamen Live-Ticker von intro.de und festivalguide.de, der direkt vom Gelände des Berlin-Festivals berichtet <<<
23:00, Main Stage:
Das Berlin-Festival neigt sich dem Ende entgegen. Hot Chip spielen auf der Hauptbühne mit voller Band und smartem Groove. In den alten Büroräumen des Flughafen Tempelhof wackeln die Wände, Bass ficht mit Bass. Das nennt man wohl eine Erfahrung der dritten Art.
22:30, Hangar 4:
Peaches im Hangar 4 mit futuristischem Kostüm und stechender Laser-Action. Die Show ist eine wahre Augenweide. Der bis zur völligen Entkleidung tanzende Lady-Boy ist da nur exemplarisch zu nennen. Vom blinkenden Slip bis zum Theremin-Dildo war alles dabei, die Band spielt dazu auf einer Art Laserstrahlen-Orgel und bei jedem Song werden Elemente der Deko oder Kostümierung ausgetauscht. Peaches bespielt rein optisch und manchmal sogar musikalisch den Spannungsbogen von Björk bis Lady Gaga und der Hangar rastet aus.
21:00, Main Stage:
Massen stehen vor der Main Stage und feiern Boys Noize. Das Aufbrausen der Crowd brandet an der Tempelhofer Klippe vorbei wie bei einem Arena-Konzert. Absolut beeindruckende Bilder zu hunderten tanzender Menschen, die feiern als gäbe es kein Morgen.
20:45, Hangar 5:
Ladies and Gentleman, hier nun das ganz persönliche Festivalhighlight. Schon seit Stunden laufen die Autoren dieses Newsblogs über das Festivalgelände wie Wayne und Garth durch die Parfümerie, und werden dafür schräg angeschaut. Jetzt – endlich – spielt da eine Band, die unseren Classic Rock-Look rechtfertigt. Fang Island aus Brooklyn, New York spielen mit drei Gitarren und entrückter Bühnenperformance einen so grandiosen Gig, dass Andrew W.K. dagegen reichlich alt aussieht. Das klingt nach Blood Brothers oder Oneida, liegt aber gleichzeitig ganz frisch und originär zwischen Math und Noise. Leider ist der Gig wieder nur eine knappe Stunde lang. Das Gros feiert inzwischen Boys Noize auf der Hauptbühne. Im Hangar hat inzwischen überraschend die jungen Landauer Sizarr ihr Set begonnen, bevor We Have Band den Abend hier beschließen werden.
20:15, Hangar 4:
Gonzales hat den Hangar nicht nur voll, sondern auch in der Hand. Als Zugabe gerät „Hotel California“ zur kleinen Perle. Der Künstler hat zum Abschluss wie immer einen schweißnassen Flokati vor der Brust und ist glücklich.
19:55, Hangar 5:
Hangar 5 verspätet sich. Darunter leiden Neon Indian. Die gehen nämlich ziemlich wortkarg mit einem Hinweis auf „strange technical difficulties“ schon nach 25 Minuten wieder von der Bühne. Das ist schade, weil sich das Set der Texaner enorm kurzweilig und im positiven Sinn verwirrend gestaltet. Auf der einen Seite exzentrisch mit Theremin und entrücktem Michael Jackson-Gestus des Masterminds Alan Palomo, auf der anderen derb rockend bis blumig vertrackt. Wie irgendwas zwischen Animal Collective, MGMT und Kate Bush und doch wieder ganz anders. Einen zweiten Eindruck ist das auf jeden Fall wert. Währenddessen auf der Main Stage Soulwax, die nach der gestrigen Absage der 2manydjs einen Zwittergig mit Material aus beiden Töpfen spielen und die Masse einmal mehr zu Kochen bringen.
18:15, Hangar 5:
Mit etwas Verspätung starten die Morning Benders aus Berkeley in ihr Set. Letztendlich dauert der hektisch durchgeführte Soundcheck fast 15 Minuten. Die Songs der Asian Americans entschädigen dann aber für die Wartezeit. Das ist verspielter und sonniger Indie-Pop mit reichlich Harmonien. Ein wenig erinnert das an Grizzly Bear, ein wenig an die Shins. Und über all dem schwebt das überlebensgroße Erbe der Beach Boys. Sicher unausweichlich, wenn man aus Kalifornien stammt.
17:00, Main Stage:
Ehrlich gesagt kommen Gang of Four wie eine Allstarband bestehend aus Reinhard Fendrich, Peter Hook und Terence Trent D’Arby rüber. Man merkt, dass das Publikum eine stilbildende britische Post-Punk- oder New-Wave-Band nicht im bis zum Bauchnabel aufgeknöpften Lederblouson erwartet hatte. Für Feingeister sind deutlich zu viele Rockismen in den eher hemdsärmeligen Bewegungen der älteren Herren auf der Bühne. Sowas muss erstmal verdaut werden. Die Band selber hat auf der Bühne allerdings den Spaß ihres Lebens und lässt sich nicht lumpen, sogar die berühmte Melodika auszupacken.
16:30, Main Stage:
Edwyn Collins muss sitzen, während er seine Texte vom Notenständer abliest. Nach wie vor ist er von seiner Krankheitsgeschichte gezeichnet, er performt seine Songs aber mit einem Enthusiasmus, der anrührt. Seine Band spielt routiniert, in einem angenehmen Sinne. Und zum Abschluss gibt es auch noch „A Girl Like You“. Ein paar graue Bärte wackeln vor Entzückung. Kurz darauf starten Wedding Present im Hangar 5 in Set mit leichten Soundproblemen. Die Gitarren klingen etwas hohl, hoffentlich gibt sich das noch.
16:00, Hangar 5:
Superpunk nehmen’s gelassen. Und zwar alles. „Ich will nicht mehr kämpfen“ ist bei diesem beschwingten Altherren-Gig fast programmatisch. Deswegen gibt’s heute Nachmittag auch keine Crowdsurfer und keinen wild schreienden Hangar, der nach neuen Zähnen für irgendein Familienmitglied und sich selbst verlangt, sondern einen sonnigen Spaziergang unter Freunden. Anschließend verkauft ein älterer Herr, der laut Ansage der Band heute seinen 75sten Geburtstag feiern soll, im Auftrag derselben CDs.
15:00, Hangar 5:
Nach kleinen Unsicherheiten aufgrund des neuen Zeitplans hatten die Isländer Seabear, die die Hangar-5 Stage eröffnen, eigentlich nur mit wenigen Fans vor ihrer Bühne gerechnet. Dementsprechend groß ist die Überraschung, dass mehr als nur die ersten Reihen voll sind, als sie ihr Set beginnen. Schöner, ausgiebig instrumentierter Folkpop leitet gemütlich in den zweiten Tag des Festivals ein.
14:30, Main Stage:
Turbostaat betreten die Bühne, sehen sich um und meinen, dass es so wenig bocke. Die Band beginnt sogleich mit der Umstrukturierung der Gesamtsituation und umringt sich mit so vielen Fans wie die Bühne verträgt. Ab da passt alles und der „letzte Festivalgig für eine lange Zeit“ entwickelt sich prächtig. Die Stimmungskurve geht steil nach oben, der Frust der vergangenen Nacht wird einfach weggeschrien. Nach der Therapiesitzung hat das Berlin Festival wieder auffallend gute Laune.
13:30, Main Stage:
Enno Bunger eröffnen den zweiten Festivaltag. Trotz gerade einer Handvoll Zuschauer, von denen die Mehrheit sich noch betont chilly auf dem Asphalt räkeln, gibt die Band alles.
>>>Samstag, 2. Festivaltag, Restart<<<
2:30, Berlin Festival:
Unterbrechung des Festivals, der Auftritt von 2ManyDJs muss abgebrochen, der von Fatboy Slim ganz abgesagt werden.
1:15, Hangar 4:
Atari Teenage Riot sind das Boot Camp des Berlin Festivals. Ein wohl gefüllter Hangar lässt sich stiefeln. ATR haben sich lange rar gemacht, das bemerkt man an der Freude in den Gesichtern besonders im vorderen Bereich als die bis zum Anschlag verzerrten Breakbeats wie Trommelfeuer auf die Menge gerichtet werden. Alec Empire hält ab und zu in diesem ohrenbetäubenden Kriegszustand das Mikrophon zum Ansporn Richtung Publikum. Was beinahe höhnend wirkt, erfüllt trotzdem seinen Zweck, denn der Moshpit wächst und der 3sat-Kamerakran bewegt sich auch immer hektischer über die Köpfe. Hangar 4 wird auf’s Derbste verprügelt, Brüllen wird da fast Selbstzweck. „With No Remorse I Wanna Diiiiiiieeeee!!!!“
23:30, Hangar 4:
Karin Dreijer Andersson a.k.a. Fever Ray performt als singender Teppich. Gekleidet in ein vom Schnitt her arg surrealem Kostüm ist sie durch eine dichte Nebelwand nur schemenhaft zu erkennen. Um sie herum blinken ein gutes Dutzend Nachttisch- und Stehlampen mit Fransen unterm Schirm gemächlich vor sich hin, während ihre glatzköpfige Begleitband wie eine von Murnau geklonte Nosferatu-Armee über ihre Keyboards hin- und herwiegt. Davor steht ein großer Strauß Räucherstäbchen, der nur leider in die falsche Richtung räuchert. Diese Aufstellung wirkt so absolut unwirklich, dass das Publikum selbst in Schockstarre den Hangar noch zum Bersten bringt. Draußen betteln schon unzählige Leute um Einlass, aber niemand will sich das hier entgehen lassen. Alle wirken wie hypnotisiert.
22:30, Hangar 5:
Während auf der Hauptbühne das LCD Soundsystem und die Editors ihre multidimensionalen und perfekt durchchoreographierten Rockshows abbrennen und der zuständige Autor noch nicht wieder aus dem übervollen Pulk herausgekommen ist, passiert auch auf den Hangarbühnen Sehenswertes: Norman Palm überzeugt mit komplex arrangierten Popsongs und einem Cover von Cornershops „Brimful Of Asha“. Danach kommen Herman Dune mit relativ neuer Triobesetzung auf die Bühne und zeigen, dass es nicht immer der komplette Overkill für die Sinne sein muss. Gemütlich-gemächlicher Lofi-Pop mit lakonischem Witz und der sehnsüchtigen Koboltsstimme David-Ivar Herman Dunes. Schön, um die müden Beine zu auszuruhen, während ein paar Meter weiter die Editors die Massen mitreißen.
22:20, Main Stage:
Die Editors spielen heute ihre letzte Show. Ok, die letzte Show für längere Zeit und nicht absolut, aber nach einem Jahr voller Konzerte sehnt sich die Band endlich nach Ferien von Tourplänen, Jetleg und Flugzeug-Hotel-Shuttle-Bühne-Shuttle-Hotel-Flugzeug. Dem Gig beim Berlin Festival spielt das absolut in die Karten, schon direkt zu Beginn schießen Pyros in den Himmel und ab da brennt dann auch die Band ein Feuerwerk ab. Die Akustik unterm Tempelhofer Vordach gesellt sich brüderlich zum Sound der Band und ihrer heutigen Energie – phantastische Show mit tollen Zugaben (Tom Smiths Solo-Piano-Performance sei hier explizit erwähnt).
21:00, Main Stage:
James Murphy hat Gefallen daran gefunden, den Flughafen mit Bässen zu durchpflügen zu lassen. Plötzlich ist das Gelände auch richtig voll. Von außerhalb mehren sich die Meldungen, dass die Schlangen bedenkliche Ausmaße angenommen hätten. Berlin ist aufgewacht und es ist hungrig. LCD Soundsystem schmeißen Hit nach Hit in den Rachen einer nach Beat gierenden Masse. Murphy braucht dafür nicht viel, er sieht nicht überdurchschnittlich aus, bewegt sich keineswegs wie eine südsingalesische Tempeltänzerin oder hat eine Stimme wie die Callas, aber seine Songs wirken überaus attraktiv auf diese Hauptstadtmeute im Wochenendmodus. Das Set fackelt ordentlich was ab, die ersten sind schon nassgetanzt.
19:30, Main Stage + Hangar 5:
Der Roar im Vorfeld des Festivals besagte, dass Zola Jesus einer der besonders heiß erwarteten Newcomer im Line-Up seien. So ganz kann Nika Roza Danilova mit ihrer zweiköpfigen Band den Vorschusslorbeeren nicht gerecht werden. Ihre Show wirkt ein wenig verloren, die Sounds aus den beiden Synthesizern etwas eindimensional. Trotzdem: Ihr tolles Debütalbum rechtfertigt auch noch eine zweite Chance.
Aufsehenerregenderes passiert auf der Hauptbühne: ca. 19:38 erscheint neben dem sturzbetrunkenen Adam Green auf einmal der ehemalige Kinderstar Macaulay Culkin ("Kevin allein zu Haus") unter tosendem Applaus auf der Bühne. Der Gitarrist pfeift das Intro zum Scorpions-Smashhit „Wind Of Change“, was zunächst keiner richtig ernst nimmt. Doch plötzlich versuchen Green und Culkin tatsächlich das komplette Lied zu singen. Und was in den Augen von Rudolf Schenker und Klaus Meine ein Verbrechen am Weltkulturerbe dargestellt hätte, gerät auf dem Rollfeld zum Triumphzug. Kurz nachdem der Gitarrist an einem Solo-Versuch final scheiterte, schmeißen sich die beiden Sänger vor gefühlten tausend mitfilmenden Handys auf die tobende Meute und gleiten einander zuprostend dem Sonnenuntergang hinterher.
19:00, Hangar 4:
Die Ex-Köln-Buchforster Gang MIT repräsentiert den Sound Nordrhein-Westfalens von Can bis Kraftwerk bis feinsten Kölner Elektronik Pop und überfordert damit das Publikum zu so einer frühen Stunde etwas. Edi Winarnis Stimme tönt beschwörend magisch durch den Hangar, erreicht im Laufe des Sets auch mehr und mehr Leute, hat es aber deutlich schwerer als sie es fünf bis acht Stunden später haben würde. Ein wirklich guter Gig des Trios endet unter lautem Applaus leider zu einem Zeitpunkt, an dem das Publikum gerade erst bereit dafür gewesen wäre.
18:30, Main Stage:
Mit den Blood Red Shoes ist der erste Höhepunkt des Festivals erreicht. Der Platz vor der Hauptbühne ist voll, als das britische Duo seine mittlerweile oft erprobte, auf Gitarre und Schlagzeug skelettierte Version von Rockmusik auf die Bühne bringt. Wie gewohnt unterkühlt oder ohne besonders herzliche Gesten, aber das braucht diese Musik gar nicht. Die ersten Reihen zeigen sich auch so hellauf verzückt.
16:30, Main Stage:
Es geht weiter mit zweimal skandinavischem Feinsinn. Zuerst die Norweger Therese Aune, die mit Violine, Cello und Akkordeon farbenfrohen und exzentrischen Pop mit klassischem Einschlag geben und an ihre Landsfrau Hanne Hukkelberg erinnern. Danach die Isländer Amiina, die aus dem Umfeld von Sigur Rós stammen und eine ganz ähnliche Stimmung hinbiegen und mit einem Instrumentarium aus Glockenspielen und weiterem Geläut unterhalten. Schön relaxtes Nachmittagsprogramm.
15:00, Main Stage:
Mit Spleen United betritt der erste Electro-Act die Hauptbühne. Ihre Musik ist aber so gar nicht sonnig und gemütlich, wie es Wetter und Gelände vermuten lassen könnten. Der Sound der Dänen hat einen starken Darkwave- und Experimental-Einschlag und klingt auch immer wieder wüst und bollerig. Kein leichter Einstieg, aber den Fans gefällt’s.
14:00, Main Stage:
The Cast Of Cheers beginnen saupünktlich mit ihrem Set. Das Berlin Festival ist hiermit offiziell eröffnet! Die Band hat in den letzten Tagen schon während der Popkomm-Showcases in diversen Venues ihre Klasse bewiesen. Ihr wildes, halbstündiges Set erinnert an die Foals, und die Iren scheinen keinesfalls schlechter zu sein. Auch abseits vom Berlin Festival kann man das auschecken: Ihr komplettes Album steht unter thecastofcheers.bandcamp.com zum freien Download bereit.
13:30, Backstage:
Gerade wurden hier die Boxensysteme getestet. Die Fensterscheiben machen auf Drama Queen. Der Tempelhofer Flughafen ist schon ein betagter Bau.















