Appletree Garden 2012
So war’s in Diepholz: Die Post geht ab
Diepholz macht das Dutzend voll: Zwölf Jahre Appletree Garden Festival. Ein Geburtstag, der mit jeder Menge Live-Überraschungen, 3.500 Gästen und gutem Wetter gefeiert wird. Die Außenwelt bekommt zum Fest eine Postkarte.
Bikini-Top und Pogo-Pit
Die Sonne brennt, der Boden staubt und die Festivalverkleidung Nummer eins besteht aus Bikini, Glitzerschminke und einem Jutebeutel mit Aufdruck. Die Waldlichtung nahe Diepholz wird zur Strandparty ohne Pauschaltourismus-Prolls und bietet trotz ausverkauftem Gelände eine sehr entspannte Ferien-Atmosphäre. Backstage nutzen viele Bands den Postkarten-Service des Festivals um mit Freunden, Familien oder der Berlinerin Dillon (dazu später mehr) Kontakt aufzunehmen. Draußen warten zwei Bühnen, die völlig sponsorenfrei zwischen riesigen Bäumen stehen, darauf, bespielt zu werden. Den Soundtrack zum Sommereinbruch liefern die Augsburger Streaming Satellites und Me and my Drummer aus Berlin. Erstere spielen gut gelaunt ihr krachendes Bluesrock-Set, wohingegen das Elektro-Pop-Duo aus der Hauptstadt Startschwierigkeiten hat. Ansagen über drohendes Regenwetter schmälern die Stimmung, und erst das gelungene Radiohead-Cover Where »I End And You Begin« verscheucht die kleinen, dunklen Wölkchen. »Ihr wollt Brett? « meint Sängerin Charlotte Brandi zu verstehen, als das Publikum schon nach der nächsten Band verlangt: den Briten Breton. »Wolle mer se reinlasse?« Ja! Das Quintett spielt zunächst einige Midtempo-Songs, inklusive HipHop-Beats und mächtigen Keyboardwänden. Anschließend ziehen sie das Tempo an. Zur Dance-Rock-Ekstase tanzt sogar der Security-Mann vor der Bühne und feiert mit dem ausgelassenen Publikum. »Reptile Youth asked us what we payed this guy! We didn’t pay him at all!« versichern die verschwitzen Fünf nach ihrem Auftritt. Auch ohne Bestechung gelingt Reptile Youth eine nicht minder rauschhafte Show, gegen die der verhaltene Auftritt von Dillon farblos wirkt. »I just wrote a postcard to Dillon because she is so beautiful!« schwärmt Frontmann Mads von der Sängerin und crowdsurft durch die Menge. Von solcherlei Interaktion kann das Publikum bei den Freitags-Headlinern Two Gallants nur träumen. Die beiden Kalifornier prügeln sich ohne Ansagen durch ihr so energetisches wie schroffes Set. Da passiert es: Pogo! Vor der Bühne tobt der, mit Sicherheit erste, Moshpit, den dieses sonst so umarmende Indie-Event sieht. Blutige Nasen bleiben aber aus. Auch die beiden Folk-Gefährten auf der Bühne wirken überrascht und bedanken sich zum Schluss doch noch bei der euphorisierten Meute.
Secret wonderland
Es schüttet die ganze Nacht. Trocken ist es erst wieder, als die Husumer Vierkanttretlager mittags ihre Holzschiff-Deko auf der großen Bühne aufbauen und das Publikum die Gummistiefel anzieht. Der Viermaster sieht älter aus als die Band klingt. Jugendlicher Zorn zwischen Turbostaat und Hamburger Diskursrockern weckt die Frühaufsteher-Crowd. Die Bandpostkarte geht an Me and my Drummer, weil man sich kenne und gut verstünde, so Sänger Max. Weniger Verständnis herrscht im Publikum für den umständlichen Brachialrock von The Chap. Liegt‘s am kühleren Wetter, dem schlammigen Boden oder doch an der Musik? Stimmung kommt kaum auf. Die Berliner One-Man-Show Touchy Mob hat’s da leichter. Der humorige Kauz schraubt an seinen digitalen Maschinchen herum, grinst durch seinen Rauschebart und zwingt sogar die Sonne wieder durch die Wolken. Beste Voraussetzungen für Balthazar. »German audiences are always freaking out. We don’t have that in Belgium!« freut sich Sänger Jinte nach dem Konzert seiner Band. Zuvor haben die Belgier eine Stunde lang für lächelnde und verblüffte Gesichter gesorgt. Ihr vierstimmiger Indie-Pop wird zu Recht frenetisch mit Seifenblasen, Konfetti und Mitsing-Chören gefeiert.
Die Londoner Clock Opera haben dagegen nur wenige Besucher auf ihrem Radar. Als das Quartett aber seinen melodiösen und extrem dynamischen Trip fährt, sind die, die vor der Bühne stehen, vollends begeistert. Sänger Guy ist seinerseits angetan vom großartigen Setting des Festivals. »It’s a secret wonderland in the middle of the forest!« Außerdem werde er Apparat eine Postkarte schreiben. Er sei Fan. Das Konzert der Berliner zeigt kurz drauf warum. Die Gruppe um Kreativ-Chef Sascha Ring spielt bei Einbruch der Dunkelheit ein schlafwandlerisches Postrock-Set. Die Scheinwerfer schneiden durch den Himmel und dem Publikum wehen die Hallfahnen um die Ohren. Nur der Moderat-Hit „Rusty Nails“ franst etwas unelegant aus. Auf der kleinen Bühne tischen Dry The River im Anschluss überlebensgroßes Folk-Pathos auf. Die Londoner beherrschen die leisen sowie die lauten Momente perfekt und verlieren sich in einem fulminanten Finale, das eher nach Wembley als nach Waldbühne klingt. Den Crystal Fighters gehört danach der letzte Slot des Festivals. Die Engländer treten einen Hippie-Rave los, auf den das Publikum sofort einsteigt. Sänger Sebastian Pringle schwankt zwischen entrücktem Schamanen und Großstadt-Hipster, während er seine Ukulele in die Luft streckt und über die Bühne hüpft. Das Debüt-Album »Star Of Love« wird komplett gespielt, aber durch dicke Beats deutlich Richtung Party gerückt. Die Band lässt gegen ein Uhr lange auf eine Zugabe warten, kommt dann aber zusammen mit Apparat und Dry The River auf die Bühne, um ein zweites Mal ihren Hit »Pladge« zu feiern. Ein familiärer Ausklang für ein hoch sympathisches Festival. Die Post ist verschickt, die Besucher beglückt und der Entschluss, 2013 wieder zu kommen, gefasst.















