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Der Blues der Kräne
Gisbert zu Knyphausen live [26.07.2010]
Foto: Dennis Dirksen
War es nicht erst gestern, als Gisbert zu Knyphausen noch mit seiner Bahncard durch die Lande reiste, in kleinen schäbigen Clubs Konzerte spielte, um immer mehr Leute um sich zu scharen? Gefühlt nur kurze Zeit später nämlich tritt dieser heute im ausverkauften Neuköllner Heimathafen auf.
So wartet dann auch die dem Meister huldigende Gemeinde ungeduldig auf ihren Prediger, der weder einer sein will, noch einer ist. Ganz im Gegenteil. Gerade seine authentische, unaffektierte, hochsympathische und selbstironische Art trägt neben seinen klugen, sensiblen, wachen Texten voller Humor und selbstverständlich der großen Musik, dazu bei, dass er gegenwärtig als der alles überragende deutsche Songwriter gilt.
Gisbert zu Knyphausen mag durch seine lockere, kumpelhafte und jederzeit natürliche Ausstrahlung sogar als männliches Pendant zu Lena Meyer-Landrut gelten. Doch konträr zur im Hinblick auf Gesang und Performance nicht untalentierten Lena besitzt zu Knyphausen die Fähigkeit, Songs zu schreiben. Und was für welche! Er hätte das mediale Echo verdient, das Meyer-Landrut im Übermaß zuteil wird. Kein Wunder also, dass sich der ebenfalls an Authentizität, Wahrhaftigkeit und Bodenständigkeit interessierte Regisseur Andreas Dresen, dem wir solch einzigartige Filme wie "Willenbrock", "Die Polizistin" "Halbe Treppe" oder "Sommer vorm Balkon" verdanken, ebenfalls in den ersten Reihen des gemischten Publikums befindet.
Doch an diesem Abend muss Gisbert gegen einen schwer zu zähmenden Gegner antreten: Die Hitze. Zwar hat sich der heiße Sommer nach einigen Gewittern gerade aus der Stadt verabschiedet, so zeigen sich jedoch viele Gebäude der Stadt, der optisch äußerst ansprechende Saal in der Karl-Marx-Straße eingeschlossen, weiterhin vollständig überhitzt, was sowohl auf als auch vor der Bühne zu Gewichtsverlust von mehreren hundert Kilo und einer länger als üblichen Pause nach dem regulären Set führen wird. Da nützen auch geöffnete Türen und eine funktionierende Klimaanlage nichts.
Doch das alles fällt dem Vergessen zum Opfer, als Gisbert zu Knyphausen nach dem eher drögen Support von Nils Koppruch (Ex-Fink) mit seiner Band die Bühne erklimmt und nach einer kurzen, aber herzlichen Begrüßung die ersten Takte von "Wer Kann Sich Schon Entscheiden" aus seinem selbstbetitelten Debüt anstimmt. Was folgt, ist ein ungeachtet extremer klimatischer Verhältnisse, die selbst Gisbert aus den Knien schwitzen lassen, formidables Konzert, das aus einer ausgewogenen Mischung von Stücken beider Alben konsistiert.
So fehlen weder das vor Dringlichkeit beinahe Schmerzen verursachende "Grau, Grau, Grau", die zu Tränen rührende Akustikballade "Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten", noch der Hamburger Liebesbeweis "Kräne". Aber auch weitere zentrale Songs von "Hurra! Hurra! So nicht!" wie "Melancholie", das Titelstück, "Morsches Holz", "Seltsames Licht" und "Nichts Als Gespenster" finden ihren angemessenen Platz auf der Setlist. Auch wenn letzteres von der grundsätzlich euphorischen Dresen-Crew am Ende leider zerquatscht wird. Allein der Opener "Hey" muss als vermisst gemeldet werden, sehr wahrscheinlich nur der den Musikern mehr und mehr zusetzenden Wärme geschuldet. Als bemerkenswert erscheint die Tatsache, dass Knyphausen und Band neben exakter Abstimmung trotz des Hypes und zahlreicher Konzerte keinerlei Überspieltheit oder Routine ausstrahlen, sondern stattdessen besonders intensiv-kreative Versionen der meisten Stücke aufführen, die sich von den puren Studioversionen einfallsreich abheben.
So gerät dann auch der Jubel der klitschnassen Gisbert-Anhänger, inklusive aller sich immer wieder Luft zuwedelnden Frauen, zunehmend ausdrucksstärker. Völlig zu Recht. Denn auch diejenigen, welche die Lieder des neuen Albums, welche sich perfektionierter, ausgefeilter und eingängiger gerieren, weniger schätzen, goutieren die bis auf "Verschwende Deine Zeit (Gisbert Blues Nr. 135)" und leider auch "Gute Nachrichten" sämtlich gespielten Stücke des ersten Albums um so mehr. Das mehrfach lautstark ersehnte, exzellente, ob seines angeschlagenen Tempos untypische "Sommertag" allen voran, aber famose Tracks wie "Neues Jahr", "So Seltsam Durch Die Nacht" und "Herzlichen Glückwunsch" bezeugen ebenso, dass die unfertigeren, roheren und unstrukturierteren Stücke von "Gisbert zu Kyphausen" nach dessen Erscheinen verdientermaßen gehörige Aufmerksamkeit auf den gebürtigen Rheingauer lenkten, der auch einfach das Weingut seines Vaters hätte weiterführen können, sich jedoch glücklicherweise anders entschied. Doch bleiben es in erster Linie Stücke wie das packende "Flugangst" und die textlich unfassbar punktgenaue, geradezu weise Reflektion "Spieglein, Spieglein", die von der großen Gabe Gisberts künden. Schade nur, dass der wahrscheinlich stärkste Output des Debüts, welcher den Abend beschließt, nicht in der noch einnehmenderen Akustikvariante dargeboten wird.
Doch jene Marginalie kann diesem trotz klimatisch eher mäßiger Umstände nichts mehr anhaben. Denn wenn selbst der ebenfalls unprätentiöse Dresen am Ende Gisbert zu Knyphausens herzlichen Dank an das Publikum ein: "WIR danken dir." entgegnet, steht fest, dass wir uns glücklich schätzen dürfen, in einer Zeit zu leben, in der uns Gisbert sowohl mit seiner inkommensurablen Musik, als auch seiner wohltuenden Art nachhaltig beschenkt. Oder um aus der objektivierenden Distanz des berichtenden Autors einmal herauszutreten: Ich liebe ihn, diesen Gisbert zu Knyphausen.
Termine Gisbert zu Knyphausen
30.07.2010 Elend, » Details » Anreise
07.08.2010 Trier, » Details » Anreise
22.08.2010 Wintherthur, » Details » Anreise
27.08.2010 Wiesbaden, » Details » Anreise
02.09.2010 Braunschweig, Nexus » Details » Anreise
04.09.2010 Dresden, » Details » Anreise
24.09.2010 Hamburg, » Details » Anreise
23.10.2010 Bonn, Harmonie » Details » Anreise
30.10.2010 Erfurt, HsD » Details » Anreise
31.10.2010 Cottbus, Bebel » Details » Anreise
01.11.2010 Potsdam, Lindenpark » Details » Anreise
02.11.2010 Göttingen, Musa » Details » Anreise
03.11.2010 Augsburg, Ostwerk » Details » Anreise
05.11.2010 Graz, Orpheum » Details » Anreise
07.11.2010 Wien, Chelsea » Details » Anreise
08.11.2010 Nürnberg, K4 » Details » Anreise
09.11.2010 Frankfurt / Main, Das Bett » Details » Anreise
10.11.2010 Stuttgart, Wagenhallen » Details » Anreise
11.11.2010 Trier, Tuchfabrik » Details » Anreise
12.11.2010 Münster, Amp » Details » Anreise
13.11.2010 Oberhausen, Druckluft » Details » Anreise
14.11.2010 Oldenburg, Amadeus » Details » Anreise
10.12.2010 Berlin, Columbiahalle » Details » Anreise
11.12.2010 Mainz, Phönixhalle » Details » Anreise
12.12.2010 Bielefeld, Ringlokschuppen » Details » Anreise
16.12.2010 Hamburg, Knust » Details » Anreise
17.12.2010 Hamburg, Knust » Details » Anreise
18.02.2011 Dortmund, Konzerthaus » Details » Anreise
27.05.2011 Neustrelitz, » Details » Anreise
10.06.2011 Mainz, » Details » Anreise
11.06.2011 Beverungen, » Details » Anreise
12.06.2011 Passau, » Details » Anreise
30.07.2011 Dortmund, » Details » Anreise
12.08.2011 Rees-Haldern, » Details » Anreise
Text: Dirk Hartmann
Tonspion, Motor, Regioactive, Rap.de
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