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Wie baut man ein Line-up?

Über Gagen, Erfahrungswerte und Behörden [04.06.2010]

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Folkert Koopmans ist als Veranstalter einer der Großen des Geschäfts. Hurricane, Southside, Greenfield, M’era Luna, Chiemsee Reggae, Area4 und Tourneen von Bruce Springsteen bis Eminem werden von seinem Team durchgeführt. Doch während die Veranstaltungsbranche traditionell auf markige Sprüche gebaut ist, gehört Koopmans eher zu den ruhigeren Gemütern. Völlig untypisch pflegt er eher klassisches  Understatement. Kurz: Er ist der beste Gesprächspartner, wenn man wissen will, wie die Line-ups von Festivals zustande kommen.

Herr Koopmans, sind ausschließlich Publikumsgaranten wichtig bei der Programmgestaltung oder zählen auch die musikalischen Akzente einer Band beim Booking?

In allererster Linie natürlich Publikumslieblinge.


Generell versuche ich zumindest ein, zwei starke Headliner zu finden, die zu den Festivals passen. Dann bemühe ich mich, weitere passende Acts für die verschiedenen Bühnen und Veranstaltungstage zu buchen. Sicher habe ich auch immer mal ein oder zwei Acts dabei, bei denen ich sage: das sind gute Acts, die möchte ich dem Publikum vorstellen. Aber natürlich müssen wir in erster Linie aufgrund der hohen Kosten ein Programm für das Publikum machen, und nicht für uns.

Wie oft kommt es vor, dass Sie Künstlern ein Angebot machen, also aktiv Bands bzw. deren Agenten und Manager ansprechen?

Zu 70 Prozent geht die Initiative von uns aus, zu 30 Prozent werden wir  angesprochen. In der Regel gehen wir immer schon sehr frühzeitig auf die Künstler zu.

Wie bringt man die Bands dann in eine Reihenfolge? Nach Höhe der Gagen?

Nein, das kommt natürlich darauf an, was die Bands wollen. Es gibt Bands, die sagen, wir wollen lieber nachmittags oder wollen nicht so spät spielen. Es gibt aber auch Bands, die sagen, wir wollen im Dunkeln spielen. Zudem kommt es auf das Programm im Allgemeinen an. In diesem Sinne wird die Programmfolge festgelegt. Dann gibt es immer noch mal ein bisschen Schreierei hier und dort und anschließend müssen wir noch mal nachbessern. Klar, wer am lautesten schreit, bekommt wahrscheinlich am ehesten das, was er gerne hätte. Aber im Allgemeinen funktioniert das dann ganz gut.

Spielt mitunter auch „Geschäftspolitik“ bei der Gestaltung des Festivalprogramms eine Rolle?

Klar, logisch. Es ist schon so, dass Bands, die wir selbst vertreten, auf Tournee bringen oder vertreten wollen, natürlich den Vorteil haben, dass wir sie dann bei unseren Festivals platzieren. Eher als Künstler, die von Mitbewerbern veranstaltet werden. Das heißt nicht, dass wir die gar nicht aufs Festival nehmen, aber gerade bei kleineren Bands nehme ich eher die jungen Bands, die von unseren eigenen Bookern ausgesucht wurden.

Wo und wie lernt ein Veranstalter das Komponieren, das Zusammenstellen eines Line-ups?

Ich weiß nicht, wo man das lernt. Ich könnte sagen, man kann es oder man kann es nicht. Aber natürlich gewinnt man jedes Jahr an Erfahrung dazu, und natürlich macht man in den ersten Jahren alles falsch, was man so falsch machen kann. Indem man etwa Bands bucht, die man selbst gut findet, die aber im Prinzip 80 Prozent der Festivalbesucher nicht gut finden. All das ist mir in den Anfangsjahren auch schon passiert. Aber letztlich bekommt man irgendwann ein Gefühl dafür, wie so ein Programm auszusehen hat. Es kommt natürlich auch darauf an, was man an Bands bekommt. Gerade in der Booking-Phase von November bis Januar stellt man häufiger mal die Bühnen oder die Programme um, damit es wieder einigermaßen schlüssig ist. Aber es ist schon ein gewisses Gefühl, das man entwickelt, um zu wissen, wie so ein Programm auszusehen hat.

Was halten Sie als langjähriger Veranstalter von den diversen Ausbildungsberufen, die es mittlerweile im Bereich der Veranstaltungswirtschaft gibt?

Wir bilden selber aus. Insofern übernehmen wir die meisten oder zumindest einen Teil der Leute, die wir ausbilden. Man muss natürlich sagen, dass es doch ein wenig ein Modeberuf ist, und wir sicherlich auch irgendwann demnächst eine Schwemme von ausgebildeten Veranstaltungskaufleuten haben werden, die wir natürlich nie im Leben wieder unterbringen können. Das ist so wahrscheinlich wie überall. Wir haben vor sechs oder sieben Jahren das erste Mal ausgebildet, mittlerweile beschäftigen wir sieben bis acht Auszubildende. Wir nehmen jedes Jahr drei neue dazu. Grundsätzlich ist es natürlich richtig, dass es für den Beruf eine Ausbildung gibt. Aber es wäre noch viel schöner, wenn es auch für den Beruf des Veranstalters eine Ausbildung oder ein Zertifikat geben würde. Weil im Prinzip morgen jeder veranstalten kann, ohne dass er irgendwelche rechtliche Hürden nehmen muss. Das mag in manchen Fällen auch gut sein, aber dadurch kommt es immer wieder mal vor, dass es das eine oder andere schwarze Schaf gibt. Jemand, der nicht Bäcker gelernt hätte, könnte auch keine Bäckerei aufmachen.

Welche sonstigen Veränderungen haben Einfluss auf die Veranstaltungsbranche?

Aktuell hat sich nicht soviel getan. Von 2000 bis 2005 hat sich allerdings sehr viel verändert, da sind die Gagen explodiert. Was eher ein Problem ist, sind die behördlichen Anforderungen, die von Jahr zu Jahr schwieriger werden. Und auch absurder. Das ist sicherlich ein Problem.

Um was für „behördliche Probleme“ handelt es da?

Es gibt die so genannte Versammlungsstättenverordnung. Meistens kommt es dadurch zu Problemen, dass unerfahrene Beamte versuchen, überall die Versammlungsstättenverordnung anzuwenden. Und das ist in manchen Fällen gar nicht so sinnvoll. Zum Beispiel brauche ich beim Chiemsee Reggae Festival keine Absperrungen vor der Bühne, weil dieses Publikum gar nicht dazu neigt, sich vor der Bühne drängeln. Von daher ist es einfach nicht sinnvoll, so etwas aufzubauen. Von solchen Geschichten gibt es zahlreiche, jedes Jahr etwas Neues. Es gibt ein Festival, wo jetzt gesagt wird, wir sollen bitte keine Mobiltoiletten mehr aufstellen, was zur Folge hätte, dass wir Abwasserkanäle bauen müssten. Das ist natürlich gar nicht möglich. Die Behörden sind zum Teil schon sehr emsig im Aufbringen neuer Probleme.



Text: Manfred Tari

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