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Die sollen nur spielen

Die Leiden der jungen Bands [14.05.2008]

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Zuhause ist nur ein Wort

Musik ist brotlose Kunst – vor allem, seitdem Plattenfirmen keine Gelddruckmaschinen mehr sind. Für die Bands bedeutet das: touren, touren, touren. Denn die Miete will bezahlt sein – auch wenn man nie daheim ist

Kurz vor der Rente ist Madonna ins Kuschelalter gekommen. Nach 25-jährigem Techtelmechtel mit den Warner Brothers will sie Rundumversorgung. Die liefert ihr Live Nation. Der größte Konzert-
veranstalter der Welt hat geschätzte 120 Millionen Dollar für das einstige „Material Girl“ geblecht. Als Gegenleistung gibt es die „Marke Madonna“: Tourneen, Merchandising, Spon-
soring und CDs – die komplette 360-Grad-Madonna-Verwertung. Weitere Deals stehen auf der Wunschliste von Live Nation.




Dahinter steckt Menschliches, gar zu Menschliches: die Gier. Die großen Musikkonzerne haben sie in den vergangenen Jahrzehnten so erschöpfend ausgelebt, dass Musiker und Fans ihrer müde wurden. „Die Plattenfirmen verkaufen Rock’n’Roll wie sie Eisschränke verkaufen; sie scheren sich nicht um die Leute, die den Rock machen“, stellte bereits im vergangenen Jahrhundert ein frustrierter Paul Kantner (Jefferson Airplane) fest. 40 Jahre später sind Wir Sind Helden erleichtert, keinen Plattenvertrag mehr zu haben. Auch wenn es 120 Millionen nur für Madonna gibt: Das Geld liegt auf der Straße. Doch das Befahren mit dem Tourbus ist mühselig. Es habe sich herumgesprochen, so Judith Holofernes gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“, dass Konzerteinnahmen „die letzte Hoffnung“ seien. „Deshalb kommen in jedem Provinzdorf im Monat acht deutschsprachige Bands vorbei, für die neunte fehlt den Leuten das Geld.“

Eine von den acht heißt Jennifer Rostock. „Wir möchten so berühmt werden, dass wir bei jedem Konzert alles kaputt machen können und jemand anderes bezahlt“, sagen die fünf trinkfreudigen Newcomer. Wie das gehen soll? Mittels der guten alten Ochsentour: Sie führt über Clubs, Hallen, Stadien. Kaputt dürfte danach außer dem Hotelzimmer vor allem die Band sein.

80 Konzerte in 233 Tagen stehen derzeit auf dem offiziellen Tourplan von Jennifer Rostock. „Inoffiziell sind es noch mehr“, sagt Daniel Wüst vom „Extratours“-Konzertbüro in Mengen, „die Band will das so“. Bespielt wird von Salzburg bis Berlin dabei alles, was eine Bühne besitzt. Zuviel? „Extratours“-Chef Andreas Walser, der die Newcomer nach oben bringen will, sieht das nicht so. „Die Band hat derzeit einen guten Lauf.“ In diesem Jahr müsse die Basis gelegt werden, 2009 werde kürzer getreten. Bevor die Band zu „Extratours“ gekommen sei, habe sie keine zehn Konzerte gespielt. Jetzt müsse sie Bühnenerfahrung gewinnen.

Mehr als 50 Prozent aller Einnahmen, die mit Musik zu erzielen sind, sollen 2007 mit Livekonzerten erzielt worden sein. Da halten die Plattenfirmen gerne mit die Hand auf. Neue Verträge mit Bands werden mit dem Passus unterzeichnet, dass bis zu zehn Prozent aller Einnahmen abgeführt werden müssen. Kein Wunder, das die Bands unter Druck geraten. „Sie versuchen zunehmend, über das Livespielen ihre Miete einzuspielen“, sagt Alex Richter von der Booking-Agentur „Four Artists“. Konzerte seien infolge deutlich geringerer Vorschüsse auf Albumeinnahmen „die Haupteinnahmequelle für Künstler“ geworden.

Ein Album sollten Newcomer dennoch im Gepäck haben. „Wenn ich mich mit neuen Bands beschäftige, frage ich nach einer Platte“, sagt Alex Richter. Ein Album, sei immer noch ein „wichtiges Kriterium, um zu entscheiden, ob der oder die für ‚Four Artists‘ in Frage kommen“ (siehe Interview).

Und noch etwas: Newcomer sollten musikalisch und optisch auffallen. Bevor sie etwa mit „Extratours“ reisen können, müssen sie den Seh- und Hörtest bestehen. Andreas Walser: „Wir sehen uns viele an und wir hören alles durch.“ Und: Ein wenig Vitamin B kann nicht schaden. „Wir hören auf die Basis und auf Empfehlungen unserer Bands“, sagt Walser. Was derzeit geht? Für den „Extratours“-Chef ist der Trend klar: „Frisch, frech und nicht verkopft – das Publikum will nichts Überkandideltes hören. Studentenbands werden nicht so wahrgenommen.“

Es gibt auch andere Wege. Etwa über Berlin, wo die Popkomm Newcomern bei Showcase-Events ein Fachpublikum bietet. Oder über Groningen, wo das Noorderslag-Festival die Erwartungen der teilnehmenden Bands auf den Prüfstand von Bookern, Veranstaltern und Agenten stellt. Ob derartige Festivals allerdings der Schlüssel zum Erfolg sind, wird bei „Extratours“ bezweifelt. „Deals werden außerhalb dieser Veranstaltungen geschlossen“, sagt Andreas Walser.

Wenn alles läuft, könnte nach Walsers Meinung Folgendes passieren: „In drei bis vier Jahren wird keine Band mehr sagen, wir hätten gerne einen guten Deal mit einem Platten-Major. Alle Bands werden versuchen, eine eigene Firma zu gründen“. Und dann? „Irgendwann kaufen die Leute wieder Platten – nach dem Livekonzert.“



Text: Michael Fust

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