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Light my fire

[Backstage] [18.05.2006]

Alle Festivals bei Festivalguide 2012

Kaum ein Festival und erst Recht kein Club kommt mehr ohne ihn aus: den Video-Jockey. Nicht mehr nur in VJ-Hochburgen wie London, Berlin und Barcelona lassen VJs ihre Video-Tool-Kits heißlaufen und die Pixel tanzen. Die neue Lichtkunst aus Kunstlicht ist allgegenwärtig. Ein Bericht aus der Welt der Live-Video-Artisten.

Die klassische Lightshow kennt wohl jeder noch aus den seligen Jugenddiscotagen: eine effektive und nicht selten nervige Kombination aus Lichtorgel, Laserkanone und Nebelmaschine. Mit der Etablierung der Rave- und Club-Culture seit den späten Achtziger Jahren sollte an die Seite des klassischen Lichtingenieurs eine neue Spezies treten: der VJ, bewaffnet mit Rechner und Videomischer.




Keine Frage: VJs haben die Lichtgestaltung im Club wie auch bei Festivals auf ein neues Level gehoben. Videojockeys bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Clubkultur und Medienkunst, zwischen medialer Raumgestaltung und Konzeptkunst. Dass der Anspruch der neuen VJ-Culture über die devote Bebilderung des Sounds hinausgeht, lässt sich bei Veranstaltungen wie dem Berliner club transmediale vortrefflich beobachten. Die Maria am Ostbahnhof wird dabei alljährlich im Februar für ein paar Tage zu einem multimedialen Gesamtkunstwerk.

Beim Melt! verwandeln VJs Hand in Hand mit Lichttechnikern das Festivalgelände alljährlich in einen illuminierten Wahnsinn aus blinkenden Kränen und LED-Wänden. Festivals wie c/o pop in Köln oder das Sónar in Barcelona verfolgen seit vielen Jahren den Anspruch, Visuals als eine der Klangebene gleichwertige Kunstform zu begreifen: die Grenzen zur Kunstwelt sind fließend.

Live-Video-Künstler wie Philip Geist a.k.a. viDeogeist, der ausschließlich mit selbstgefilmten Videomaterial arbeitet, sind vermehrt auch in Institutionen wie dem Institute of Contemporary Arts (ICA) in London und der Pinakothek der Moderne in München anzutreffen. Für viDeogeist sind Visuals eine „eigene Kunstform, die Musik erweitern und Räume und Stimmungen verwandeln kann“. Tatsächlich liegen der VJ-Culture Fragestellungen nach dem Zusammenspiel von Farbe und Ton beziehungsweise Bewegtbildern und Musik zugrunde, die so alt sind wie der Satz des Pythagoras und sich quer durch die Musik- und Kunstgeschichte ziehen.

Vom Farbklavier zu MTV

Die erste – freilich analoge – Sound-Licht-Maschine zur Kopplung und Verschränkung von Sound und Licht wurde bereits im 18. Jahrhundert entwickelt. Der französische Jesuitenpater und Mathematiker Louis-Bertrand Castel schraubte 1743 ein Farbklavier zusammen, bei dem Töne mit Kerzen hinter farbigen Papierstreifen gekoppelt wurden. Als erster Videojockey im heutigen Sinne kann der Avantgardefilmer Oskar Fischinger gelten, entwickelte er doch in den Zwanziger Jahren als erster eine Technik, die es erlaubte, Schallplatten mit Filmbildfolgen zu synchronisieren.

Die VJ-Ästhetik, wie wir sie heute kennen, hat ihre Wurzeln in Licht-Bildexperimenten der Hippie-Kultur der Sechziger. Auf legendären Parties wie „Ken Kesey’s Bay Area Acid-Test“-Sause sollten ineinanderlaufende Ölfarben auf Overheadprojektoren – kombiniert mit Spiegeln, Dia- und Filmprojektionen – dem Publikum psychedelische Rauscherfahrungen ohne Flashbackrisiko ermöglichen.

Zeitgleich mit dem Einzug von Nam June Paiks schratig-flackernden Videoinstallationen hielt in den späten Siebzigern das Videomixing Einzug in die Clubs. Die „Last Days of Disco“ waren gerade eingeläutet, als bezahlbare Videotechnik auf den Markt geworfen wurde. Das VJing in New Yorker Clubs wie der Peppermint Lounge sollte den visuellen Style vieler Tanzschuppen der Achtziger prägen: das VJing mauserte sich in jenen Jahren von einem Underground-Ding zu einem Mainstream-Phänomen. Das Stichwort in diesem Zusammenhang hat drei Buchstaben: MTV.

Die inzwischen in Ehren ergrauten Mixmasher Coldcut gehörten gegen Ende der Achtziger nicht nur zu den Sampling-Pionieren der ersten Stunde, sondern waren auch die Vorreiter des digitalen VJing von heute. So gründeten die Herren Black und More zusammen mit den Grafikkünstlern Hardwire 1991 mit Hex ein „research and development lab for CD-ROMS, videos, club visuals and interactive mixing.“

Coldcut versetzten als eine der ersten Lichtkünstler mit ihren Live-Video-Mixen die Crowd in Londoner Früh-Neunziger-Hipster-Clubs wie Telepathic Fish und Ministry of Sound in Ekstase und ernteten so die Früchte, welche durch Hardwareinnovationen im Bereich der Consumer Electronics in den späten Achtzigern gesät worden waren: mit Hilfe von Amiga, Mac und PC war es möglich geworden, im heimischen Wohnzimmer eigene Visuals zu basteln und mit Video-Effekten herumzudaddeln.

Auch der VJ von heute braucht vor allem eines: einen sehr leistungsstarken Rechner.

Selbstredend, dass sich durch die Möglichkeit, mit dem Powerbook digitales Video in verlustfreier Qualität zu bearbeiten, die Zahl der VJs seit jenen seligen Tagen des Rave vervielfacht hat. Die digitale Zusammenführung von optischen und akustischen Signalen im binären Code hat das Verhältnis von Bild und Ton auf ein neues Level gehoben und hybride Künstlertypen wie Beats schraubende Grafiker und – seltener – Visuals droppende DJs hervorgebracht.

Farben hören, Musik sehen

Die Arbeitsweisen der meisten VJs von heute unterscheiden sich so nicht wesentlich von denen der DJ-Producer: nur dass von den Videojockeys keine Sounds, sondern Flash-Filme, maskierte Realbilder, Video- und Grafikelemente gecuttet, gescratcht und gemixt werden.

VJs wie DJs folgen dem Ziel, auf der Bühne einen bestimmten Flow zu erzeugen und gleichsam in the mix neue Formen, Strukturen und Stimmungen zu generieren. So verbinden sich Bild und Sound im Idealfall zu einem neuartigen engmaschigen Geflecht. Nach wie vor steht der VJ jedoch in der Bühnenhierarchie unter dem DJ und im Schatten gebuchter Bands. „Ich höre das Argument seitens der Veranstalter immer wieder, dass wegen des VJs kein Mensch kommt“, so Holger Risse von Lichtsport. Ein krasses Missverhältnis zwischen Aufwand und Entlohnung ist die Folge. „DJs werden im Club für Sets von ein bis vier Stunden gebucht, ein VJ in einem Club sitzt dort den ganzen Abend und oft allein.“

Dass die Visuals im Club von der Musik abhängig sind und darum kämpfen müssen, für sich wahrgenommen zu werden, ist dabei weniger ein Problem. Das Abheben vom Sound steht für die meisten VJs ohnehin nicht im Vordergrund. „Es geht beim VJing nicht darum, der Musik ihre Show zu stehlen“, so Tasso von Okinawa 69. In erster Linie geht es beim Bildermachen darum, die Besucher in eine geschmeidige Stimmung zu bringen. Das gelingt nicht immer. Nicht selten verlieren sich Clubber und Festivalbesucher dabei in einem Pixelbabylon: Schnittgeschwindigkeitsorgien, Zitatwütereien und schnarchig-gescratchte handycam stage shots sind einer angenehmen Atmosphäre nicht zuträglich. „Die Leute gehen nicht in den Club oder auf Festivals, um fernzusehen“, sagt Jens Flug. Soll heißen: Im Zweifelsfall ist Minimalismus Trumpf. Gute VJs beherrschen das Wechselspiel aus kompletter Zurücknahme und dem Nach-Vorne-Spielen und reagieren flexibel auf die Stimmung im Club.

Im Zentrum steht die Mitgestaltung des Nachtlebens als Gesamtkunstwerk. Schließlich ist die synästethische Erfahrung der heiligen Dreieinigkeit aus Sound, Visuals und bewusstseinserweiternden Substanzen aller Art geschuldet.

Zwar kommt es immer noch vor, dass VJs mit der Bar verwechselt oder mit Musikwünschen malträtiert werden. Jedoch ist das Bewusstsein auf Seiten des Publikums für das Tun der Video-Jockeys in den letzten Jahren gestiegen. Nicht nur VJ-Votings in Blättern wie Intro und de:bug sprechen Bände, auch direkt im Club oder auf Festivals gibt es nicht selten direktes positives Feedback. „Es kommt durchaus vor, dass Leute auf uns zukommen und die eine oder andere Szene noch mal sehen wollen“, so Jens Flug von Giraffentoast. Regelmäßig lassen sich inzwischen Techniknerds dabei beobachten, wie sie den Blick über die starken VJ-Schultern wagen, um Set-ups und Geräteparks zu studieren.

Die Zeiten haben sich auch hinter den Kulissen geändert: Battles zwischen den Lichttechnikern der alten Schule und der Laptop- und Beamerfraktion der VJs sind seltener geworden. Wurden die Video-Jockeys noch vor wenigen Jahren als „Künstlertypen mit Baumarktmischern“ belächelt, so ist das Verhältnis zwischen Licht und Visuals heute in aller Regel von freundlicher Konkurrenz bestimmt. „Zwar denken nach wie vor manche Lichttypen: Hey, dieser VJ kommt hier an, kriegt eine Höllenkohle, und ich stehe hier für ein Appel und ein Ei die ganze Nacht. Hat man dann ein paar Male mit den Lichttechnikjungs zusammengearbeitet, dann stellt sich doch recht schnell auf beiden Seiten heraus, dass man die gleichen Interessen hat“, so Tasso von Okinawa 69.

Wie auch immer sich das Verhältnis zwischen Lichtkünstlern der alten und neuen Schule weiterentwickeln wird: Videojockeys sind aus dem Kontext der Club- und Festivalkultur nicht mehr wegzudenken. Viele Clubs sind inzwischen mit Videoanlage und Ederol-Videomischern ausgestattet, kaum eines der großen Festivals will auf Flash-gemixte, flüssige Bild-Ton-Kombinationen verzichten. Die VJ-Culture boomt. Der kommende Festivalsommer wird dies erneut zeigen.



Text: Florian Wachinger;Florian Wachinger
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