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Der Traum von Freiheit und Abenteuer
Woodstock [18.05.2006]
Im Juni 1967 fand in Monterey das erste professionelle Rockfestival der Geschichte statt. Was damals der Gegenentwurf zum Establishment war, ist heute nur noch ein weiterer Spielball der Freizeitgesellschaft. Doch auch wenn sich die Vorzeichen, unter denen Festivals stattfinden, geändert haben – der Geist der Pioniere ist nicht totzukriegen. Warum? Eine Spurensuche in 40 Jahren Festivalhistorie.
Als Abbie Hoffman, Wortführer der amerikanischen Antikriegsbewegung, im Herbst 1969 vor Gericht nach seinem Wohnort gefragt wurde, sagte er: „Woodstock-Nation“. Der Richter wollte wissen, in welchem Staat dieser Ort liege: „Im Bewusstsein.
Es ist die Nation entfremdeter junger Menschen.“ Denkmuster einer Jugendkultur von einst. Der Traum einer neuen, besseren Gesellschaft. Der kleine Ort nahe der US-Ostküste, an dem das monumentale Rockkonzert im August 1969 stattgefunden hatte, war zum Synonym der amerikanischen Jugend für einen anderen Lebensentwurf geworden, der dem Leitspruch folgte: Jung sein, anders sein, frei sein!
Dabei war das Festival auf dem Musik- und Kunstjahrmarkt von Woodstock nur der vorläufige Höhepunkt in der Pionierzeit musikalischer Versammlungskultur. Auf den Grundwerten der beat generation hatte sich Mitte der Sechziger eine revolutionäre Form von Kommunikation und Umgang gebildet. Vier Leitsätze bildeten das Fundament für die neue Gegenwelt: Die Ideologie der Beatniks forderte die Geringschätzung materieller Werte. Sie zog das Abenteuer – geistig und körperlich – den Sicherheitsversprechungen der bürgerlichen Existenz vor. Außerdem zum Inventar der Beatnik-Philosophie gehörten: die Praktizierung einer rein triebgesteuerten Sexualität jenseits gesellschaftlicher Konvention, die Erweiterung des Bewusstseins durch den experimentellen Umgang mit Drogen und die gleichzeitige Entdeckung einer neuen Religiosität, die nicht mehr vom Christentum, sondern von Buddhismus und Taoismus inspiriert war. Ein Humus, auf dem auch der Festivalgedanke schnell und fruchtbar gedeihen konnte.
Die Forderung nach Abenteuer spiegelte sich insbesondere im Erleben von revolutionärer Musik im ländlichen, infrastrukturell oftmals unerschlossenen Land wider. Urversion der späteren Open-Air-Festivals waren die Partys der Hippiebewegung im San-Francisco-Stadtteil Haight-Ashbury ab 1965. In dem Multi-Kulti-Viertel, einem Schmelztiegel für Russen, Schwarze, Mexikaner und Chinesen, trafen sich scharenweise Hippies unter den verschiedensten Schlagworten. Beispiel: Das Trips-Festival im Januar 1966 lud ein, psychedelische Erfahrung ohne Drogen zu machen. Teil des Events war unter anderem „gemeinsames Tanzen“. Alle Besucher waren aufgerufen, „sich so exstatisch wie möglich zu kleiden und Instrumente mitzubringen.“ Scheinwerfer und Soundeffekte sollten im Zusammenspiel mit der Musik von den Lokalmatadoren Grateful Dead und Ken Kesey & The Merry Pranksters den erhofften Rausch bringen. Ein Jahr später, im Januar 1967, traf sich die Haight-Ashbury-Community im Golden-Gate-Park der Pazifikstadt zum „Human Be-In“. Ihr Ziel: „All die Stämme der Jugend werden feiern, beraten und das Zeitalter der Befreiung, der Liebe, des Friedens und der Einheit der Menschen verkünden.“ Die Hippiekultur war zur Einheit gewachsen, die Nation der Hippies ausgerufen. Der geschasste Berkeley-Professor Timothy Leary ging mit Blumen im Haar ans Mikrophon und rief „Verlasst die Universitäten. Turn on! Tune in! Drop out!“ Und auch wenn im Verlaufe des Festivals jemand das Kabel zum Stromgenerator durchschnitt und die Musik abrupt endete – die Idee der Zusammenkunft unter freiem Himmel, mit gleichzeitiger Beschallung durch progressive Musik, war etabliert.
Von deutschem Boden darf nie wieder ein Lied ausgehen
Die professionelle Variante des Rockfestivals ließ nicht lange auf sich waren. Die chaotischen Veranstaltungen in San Francisco, die sich in Sachen Durchführung und Sound allenfalls auf dem Niveau von Schulfesten abgespielt hatten, wurden beim Monterey-Pop-Festival im Juni 1967 professionalisiert. Nach dem Vorbild der berühmten Newport-Jazz-Festivals (seit 1954) und Newport-Folk-Festivals (seit 1959) präsentierten die Macher um John Philips (The Mamas & Papas) die erste große Heerschau der neuen Popmusik auf einem Event. Die Erlöse waren für wohltätige Zwecke vorgesehen. Neben The Byrds, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Otis Redding und The Who kamen auch 50.000 Zuschauer. CBS veröffentlichte hinterher einen Live-Mitschnitt des Konzerts und lieferte damit die Initialzündung für eine bis heute todsichere Marketingstrategie. Wie Veranstalter-Ikone Bill Graham, der später bei der Durchführung von Woodstock und Live Aid die Strippen zog, sagte: „Aus dem Ei, das in Monterey gelegt wurde, schlüpfte zwei Jahre später Woodstock.“
Auch in Deutschland schlug sich die Gegenwelt der jungen Generation in neuen Veranstaltungsformen nieder. Zwischen 1964 und 1969 suchten Musikfreunde im höfischen Ambiente der Burg Waldeck nach der Loslösung von althergebrachten Werten sowie der Emanzipation deutschsprachigen Liedguts. Das Fest auf der Burg im Hessischen war neben den Auftritten von damals unbekannten Sängern wie Reinhard Mey, Franz Josef Degenhardt und Hannes Wader Schauplatz einer ausufernden Diskussionskultur über die Umsetzung deutscher Texte. Die Nachkriegszeit hatte zu einer Stagnation des Liedgesangs in Deutschland geführt. Ursache war der Missbrauch der Musik durch die Nazis. Kurz: Nach dem Krieg hatte man wenig Lust zu singen. Entsprechend behutsam wurde mit dem neuen Versuch umgegangen, deutschsprachig zu texten. Die Folge: Neben der Musik bestand das mehrtägige Festival oft aus stundenlang andauernden Streitgesprächen über das Gehörte. Diethart Krebs, einer der Waldeck-Pioniere, erinnert sich: „Wir waren enthusiasmiert von dem, was wir aus Amerika hörten. Es hat uns gereizt, wenn man in der Zeitung las, auf dem Campus von Berkeley genügt der Besitz einer Gitarre, um verhaftet zu werden. Das wollten wir auch gerne, diesen Streit mit der Staatsmacht.“ Kein Wunder, dass das Festival an dem historischen Ort in direktem zeitlichem Zusammenhang zur Entstehung der Ostermarsch- und Friedensbewegung steht. Der Geist in den Burgmauern war geprägt von den Gedanken der 68er-Ära.
Dann wurde Woodstock – „Three days of love & music“ – mit all seinem Chaos zum Mythos. 300.000 schlammverschmierte Hippies – die meisten davon ohne Eintrittskarte –, lauschten dem Sound von Joe Cocker, Sly & The Family Stone oder Richie Havens. Ein Besucher erinnert sich: „Sie hatten die Begrenzungen umgerissen. Ich marschierte auf das freie Feld, als Country Joe seinen ersten Applaus erhielt. 300.000 Menschen schrieen ihm ‚Fuck’ entgegen – mit aller Fröhlichkeit und Bestimmtheit ihrer Jugend. Das einzigartige Gefühl von Freiheit war die Illusion des Augenblicks.“ Als Jimi Hendrix am Morgen des 17. August den musikalischen Programm-Marathon mit seinem verzerrten „Star Spangled Banner“ und rund acht Stunden Verspätung beendete, war nur noch Bruchteil der erschöpften Zuschauer zugegen. Die legendäre Kinodokumentation machte die musikalische Momentaufnahme jedoch zu einem historischen Augenblick – auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs. Die mediale Verbreitung des Events etablierte die Festivalidee auf der ganzen Welt. Auf der Isle of Wight, in Fehmarn, in Glastonbury, in Roskilde, schließlich auch in Scheeßel – überall schossen in den folgenden Jahren Open Airs aus dem Boden.
Das Ende des Sommers der Liebe
Allerdings liefen nicht alle Festivals so friedlich und im Sinne der geistigen Väter ab. Mit der Katastrophe bei Altamount im Dezember 1969, als während eines Konzerts der Rolling Stones ein Farbiger von den Hell’s Angels erstochen wurde, verlor im die Festivalkultur ihre Unschuld. Durch das als „Woodstock des Westens“ apostrophierte Open Air wurden plötzlich die Gefahren der neuen Massen-Events deutlich. Die Utopie, das ein friedliches Beisammensein mit vielen Tausenden und die kollektive Einnahme von Drogen und Alkohol problemlos möglich sei, platzte wie eine Seifenblase. Es wurde klar: Wo so viele Menschen zusammenkommen, gedeiht auch Kriminalität. Und überhaupt war der Hippiegedanke durch die bestialischen Morde von Charlie Manson und seiner Kommune im August 1969 in ein übles Licht geraten.
Die Siebziger sorgten für eine allmähliche Schwerpunktverschiebung in Sachen Festivals: Weg vom Happening als musikalisch untermaltes „Be-In“, mehr und mehr hin zum Besuchermagneten, dessen Anziehungskraft in der Anzahl und vor allem im Bekanntheitsgrad der Bands und Musiker begründet lag. In Deutschland machte ein Mann namens Marek Lieberberg ab 1971 erste Gehversuche mit Open Airs unter dem Titel „British Rock Meeting“. Heute sind Lieberbergs Festivalklassiker Rock am Ring und Rock im Park mit jährlich insgesamt 130.000 Zuschauern die Zugpferde im nationalen Freiluftgeschäft. Lieberberg über den Geist der frühen Jahre: „Damals haben wir unsere Festivals aus dem Gefühl und mit viel Enthusiasmus organisiert. Der Woodstock-Film zeigt, wie chaotisch das ablief. Das war auch bei uns nicht anders.“ Auch die ersten Ausgaben von Festivalklassikern wie Roskilde (1971) und Glastonbury (1970) fallen in diese Zeit – und waren von ähnlicher Naivität geprägt. Doch mit jedem Jahr stiegen die Ansprüche in Bezug auf Hygiene, Sound und Sicherheit. Professionalität hielt Einzug.
Und Betrügerei. Auf dem Eichenring in Scheeßel gab es 1977 den ersten großen Skandal. In dem Speedway-Stadion wurde 1973 unter dem Titel „Es rockt die Heide“ das erste große Freiluftkonzert in der norddeutschen Tiefebene veranstaltet. Chicago, Chuck Berry und Golden Earring sorgten für einen großen Erfolg. Vier Jahre später provozierte allerdings der berüchtigte Promoter Jürgen Wigginghaus mit seiner Neuauflage des Open Airs einen Eklat. Er hatte Auftritte von den Byrds, Quicksilver Messenger Service und Steppenwolf angekündigt – und massig Tickets im Vorverkauf abgesetzt. „Nachdem fünf völlig unbekannte Bands gespielt hatten, ging die Randale los. Die Leute merkten, dass sie verarscht wurden, und fingen an, die Anlage auseinanderzunehmen. Hinter der Bühne explodierten die Wohnwagen“, erinnert sich Glitterhouse-Labelchef Reinhard Holstein, der als Zuschauer dabei war. Wigginghaus war mit der Kohle über alle Berge. Die Bands hatte er nie engagiert. Bis 1992 verwaiste der Eichenring daraufhin, gebrandmarkt als Symbol des Betrugs, der Kommerzialisierung und des Missbrauchs der Festivalidee. Seitdem ist die Rennbahn das Zuhause des Hurricane-Festivals.
Das ist WAAhnsinn
Die Achtziger sorgten für eine weitere Aufsplittung der Open-Air-Programmatik: Die Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung sorgte für eine stark politisch geprägte Versammlungskultur. Festivals mit dem Charakter von Demonstrationen – gern auch als Benefiz – gehörten zu den absoluten Highlights der Dekade: 100.000 Menschen kamen am 10. Juni 1982 auf die Bonner Rheinwiesen, um anlässlich des bevorstehenden Besuchs von US-Präsident Ronald Reagan ihren Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss zum Ausdruck zu bringen. Das Anti-WAAhnsinns-Festival in Burglengenfeld im Juli 1986 wurde das bislang größte Festival auf deutschem Boden. BAP, die Toten Hosen, Rio Reiser und Herbert Grönemeyer traten gegen die Inbetriebnahme der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf auf. Mehr als 100.000 Zuschauer hörten zu. Das WAAhnsinns-Open-Air wurde über fünf Jahre zur Institution für die Anti-Atomkraft-Bewegung. International verlieh der britische Musiker Bob Geldof seiner Nächstenliebe in Form des Benefizkonzerts Live Aid Ausdruck – und gewann in London und Philadelphia mehr als 100 Superstars für ein weltumspannendes Open Air, das bis heute über DVDs und andere Vermarktungsformen Geld für hungernde Kinder in Afrika einspielt.
Einen Benefit ganz anderer Kategorie verschaffte sich in der zweiten Hälfte der Achtziger die aufkeimende Rave-Szene in England. Da es in den Clubs von London immer schwerer wurde, auf Ecstasy auszuflippen, wurden die spontanen Dance-Events aufs Land verlegt. Nach dem Vorbild von „Umsonst und Draußen“-Festivals packten die Raver die Lautsprecheranlagen an der M25 aus dem Kofferraum, holten die Tütchen mit den Pillen raus und nach einer Telefonkettenschnellpropaganda wurde kollektiv auf dem Acker bis zum Morgengrauen abgetanzt. Die Beatniks wären stolz gewesen ob soviel Hedonismus’ und der Mengen an Rauschmitteln.
Was in England noch den Charme des Neuen versprühte, bekam ab 1989 mit der Berliner Loveparade sein Woodstock. Genau genommen die clever ausgeklügelte Kommerzvariante dessen. Denn der juristische Konflikt, den Loveparade-Erfinder Dr. Motte, mit den Behörden hinsichtlich Deutschlands geschichtsträchtigster Disco-Straße austrug, war an geschäftlicher Durchtriebenheit kaum zu überbieten. Kein Wunder, dass der Technopapst trotz vieler Jahre im Business kühlen Kopf behielt – und nach dem Endorsement einer Muckibudenfirma den Parade nun den Rücken gekehrt hat. Vielleicht auch, weil sein Event mit der Shitparade eine spöttelnde Gegenveranstaltung gefunden hatte. Der ausgestreckte Mittelfinger für die Spaßkultur – die Dosenbiervariante der Ecstasy-Kids. Was an der Siegessäule noch nach Hubba Bubba roch, hatte hier das Aroma eines feuchten Hundes gewonnen.
Neben der sozial-politischen Festivalkultur konnte man in den Achtzigern auch die zunehmende Genrebildung im Pop- und Rockbereich feststellen. Sie veränderte auch den Charakter kommerzieller Open Airs. Ob Punk, Heavy Metaller oder Dark Waver – jeder bekam nun sein eigenes Festival. Mit unterschiedlichem Erfolg.
Das Monsters of Rock auf der Rennstrecke in Castle Donington wurde von 1980 an zum Mekka der Heavy-Metal-Posse. Der deutsche Ableger präsentierte sich ab 1983 in Kaiserslautern und Nürnberg. Die Ausrichtung dieser Festivals bildete einerseits zwar den Geschmack der Zielgruppe ab, die Beweggründe, das Open Air zu veranstalten, waren jedoch weitgehend ideologiefrei und in erster Linie pekuniär.
Diese Tendenzen lassen sich bei einem Großteil der Veranstaltungen feststellen, die ein Sequel erlebten. Rock am Ring (Hard Rock), Hurricane (Alternative) oder Chiemsee Reggae Summer (genau: Reggae) sind bis heute gute Beispiele dafür, wie man über viele Jahre durch zielgruppenorientiertes Programm zur Festivalinstitution wird. Die Veranstaltung sind gut kalkulierte Dienstleistung für Fans eines bestimmten Genres. Viele, die ein Ticket erwerben, tun das, weil sie sich so die Eintrittskarte für ein Lebensgefühls sichern, das sie von anderen abgrenzt. Fast ebenso wichtig aber ist hier das Event ums eigentliche Event herum: Die Besucher von Head-Festivals buchen mit dem Ticket einen All-inclusive-Wochenendurlaub in einem Freiluft-Erlebnispark mit Musik, Parties, Sponsoren-Give-Aways, Shopping-Mall bis hin zu Sportaktivitäten. Das Freizeitbedürfnis soll in jeglicher Hinsicht befriedigt werden. Denn nur ein zufriedener Kunde kommt wieder.
Von der „Woodstock-Nation“ zu „Live Nation“
So gesehen ist vom ursprünglichen Gedanken einer Gegenkultur auf den modernen Mega-Open-Airs nur wenig geblieben. Das mag auch daran liegen, dass Festivalbesucher längst nicht mehr die jungen, von der Elterngeneration desillusionierte Menschen der Sechziger sind. Auch ohne den abgegriffenen Verweis auf die Rolling Stones – Rockmusik ist längst ein generationsübergreifendes Thema.
Wo soviel Kundschaft lauert, kommt es zwangsläufig zu Globalisierungseffekten. Zeitgemäße Head-Festivals werden inzwischen von weltumspannenden Konzernen durchgeführt, die Superstars mit Höchstgeboten für die Sommer blocken und in den einzelnen Staaten exklusiv auf konzerneigenen Festivals präsentieren. Die amerikanische Firma Live Nation ist der weltgrößte Veranstalter von Konzerten und Tourneen, verkaufte im vergangenen Jahr 29.624.855 Konzertkarten und hält über komplizierte Geflechte auch Beteiligungen an deutschen Firmen und deren Festivals. Die Events dieser Unternehmen folgen dem Prinzip der Gewinnmaximierung und sind moderner Musikkarneval – analog zu Freizeit-Events wie der Formel 1. Allerdings – soviel Fairness muss sein – mit den weltweit populärsten Bands der Saison im Angebot. Diese Form der industrialisierten Happeningkultur bietet Freiräume für viele kleinere Events, die dem eigentlichen Festivalgedanken wesentlich näher sind. Das Melt! (Elektro, Alternative), Haldern (Britpop, Alternative) oder Immergut – um nur einige zu nennen – haben sich als unabhängige Veranstaltungen etabliert und liefern eine geschmackvolle Musikauswahl, die sich gekonnt auf dem schmalen Grad zwischen Liebhaberei und Mainstream bewegt. Der Geist der Macher ist elitär und bewusst auf Abgrenzung gegenüber den Head-Events ausgerichtet. Oft sind die Happenings schon früh ausverkauft, denn es gehört unter Fans zum guten Ton, rechtzeitig ein Ticket für Events dieser Größenordnung, die über solchen – ähem – Kultcharakter verfügen.
Darüber hinaus lebt insbesondere in Deutschland auch der Markt mit Non-Profit-Open-Airs. Hier machen findige Musikfans aus der Region Gelder bei der Kommune oder lokalen Sponsoren locker, um den Sommer auf einer Wiese im Nichts, mit einem günstigen oder gar kostenlosen Musikevent zu feiern. Festivals wie das Populario, Oma’s Teich oder das Prima Leben und Stereo oszillieren in ihrer Art zwischen stilsicherer Provinzparty im schönen Ambiente und dem Stadtfestersatz für die Landjugend. Gerade für Underground-Acts sind diese Festivals sehr wichtig, um sich einem großen Publikum zu präsentieren und Schulkinder an die popmusikalische Nadel zu bringen. Fazit: Abbie Hoffman, würde er noch leben, hätte es schwer, sich in der Vielschichtigkeit der gegenwärtigen Festivallandschaft einer Weltanschauung zugehörig zu fühlen. Heute ist es unvorstellbar, dass jemand sich als Bürger der „Rock-im-Park-Nation“ oder der „Immergut-Gesellschaft“ bezeichnet. Hofmann, der zeitlebens (er starb 1989) ein radikaler Politaktivist blieb, würde wahrscheinlich im Rapsfeld hinter dem Acker seines Heimat-Events (natürlich ein Umsonst & Draußen) liegen, einen Joint rauchen und auf die ganze Szene pissen. Sein letztes Buch vor seinem Tod hieß: „Steal the Urine test“.
Text: Thomas Bünting;Thomas Bünting

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