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So war das 25. Haldern Pop
In sich ruhende Euphorie [11.08.2008]
Genau so ist es.
„Wenn ich euch über die Füße fahre, könnt ihr ja nicht mehr so schön tanzen“, sagt die freundliche Dame, nach dem sie ein paar frühstückende Indiekids von der letzten freien Parklücke auf dem Rewe-Parkplatz verscheucht hat. Es ist Samstagmorgen, schon zwei Tage Haldern-Geburtstag sind rum, man schlendert durch das nahegelegene Rees, gönnt sich frische Brötchen, pardon frische Haldern-Pop-Brötchen, oder entscheidet sich gleich für das komplette Haldern-Pop-Frühstücksangebot. Da gibt’s dann sogar eine Brotdose zu. Oder doch nur die Haldern-Pop-Weintrauben für 2, 99 Euro? Auch bei diesem, dem 25., Haldern Pop erlebt man wieder das Paradebeispiel, wie man den Pop in die Provinz bringen kann. Und zwar so, dass man sich verträgt. Da sitzen dann die Dorfältesten backstage am Lagerfeuer und graben bei erhöhtem Pegel die schicken Promodamen an, da hilft die Dorfjugend bei der Lehrgutentsorgung, und ganze Nachbarschaften übernehmen für ein paar augenscheinlich recht vergnügliche Stunden den Bierausschank. Ehrenamt mal außerhalb des Schützenfestes. Schön. Und das schmucke Publikums dankt’s mit guter Laune.
Natürlich ist es nicht primär diese herzenswarme Ruhe, die einen auf dem Haldern Pop empfängt, für die man aus ganz Deutschland und immer öfter auch aus Holland anreist. Da wäre ja noch das Line-up, das immer wieder zu begeistern weiß und in diesem Jahr wahrlich festlich ausfiel. Wobei dabei das Zusammenspiel aus Dickkopf und Herzblut weiterhin durchschimmerte – mit den passenden „großen“ Namen obendrauf. Die wurden allerdings erst nach Ausverkauf verraten (Maximo Park) bzw. als Secret Gig auf der kleineren Zeltbühne „verheizt“ (Fettes Brot) – was wohl jeden gefreut haben dürfte, der es rein geschafft hatte. Was dem Autor leider nicht gelungen ist. Schade. Ohren- und Augenzeugen berichteten von einem äußerst gelungenen Culture-Clash, bei dem die Brote das Indiepublikum problemlos auf ihre Seite ziehen konnten.
Aber schon der Donnerstag geriet dank der Flaming Lips und den Foals zu dem „Festakt“, den sich Stefan Reichmann wenige Tage zuvor im Interview gewünscht hat. Letztere füllten mit ihrer Lebhaftigkeit problemlos die große Bühne, erstere überzeugten wieder einmal mit ihrem knallbunten Popfeuerwerk und dem großartigen Entertainer-Frontman Wayne Coyne, der leider stimmlich etwas angeschlagen war. Aber auch eine heisere Yoshimi bleibt toll. Und die tanzenden und teilweise knutschenden Teletubbies plus Konfettiregen bei Gegenwind taten der guten Stimmung ebenso wenig Abbruch. Anschließend wurde man dann songwriterisch von Daniel Benjamin & Friends wieder runter gebracht, bis man die nötige Isomattenschwere für sein Zelt hatte. A propos: Im Spiegelzelt punkteten an diesem Abend vor allem die Fleet Foxes, trotz kleiner Rangeleien mit ihrem eigenen Equipment.
Schon am frühen Freitagnachmittag empfahlen sich White Lies als überzeugende Verstärkung für die Interoleditorsfreunde dieser Welt, bis später die Guillemots auch den letzten Zweifler auf ihre Seite brachten. Obwohl ihnen ein paar Mal die Verstärker abkackten, kriegten der irre Haufen um Chefornithologe, Songwriter, Sänger und Pianist Fyve Dangerfield sogar die Publikumsteile rum, die sich augenscheinlich noch nicht zu sehr mit den Guillemots beschäftigt hatten. Vielleicht ist auch so die Existenz eine tatsächlich recht amtlichen Moshpits zu erklären. Kate Nash, die übrigens im Jahr zuvor auf dem Haldern ihre deutsche Festivalpremiere hatte, füllte dann mühelos mit Band und Tanzfreude die große Bühne aus – was nichts daran änderte, dass man ihre Songs inzwischen ein wenig über hat. Die Editors hatten wie immer ihr zentnerschweres Pathos am Start, brachten das jedoch wieder äußerst mitreißend an Mann und Frau. Auch hier gab es springende, singende, pogende Beweise, dass das Haldern-Publikum ganz manchmal gar nicht so gesetzt ist, wie man ihm so nachsagt. Froh durfte auch sein, wer die wunderbare Lykke Li im Spiegelzelt anschauen konnte. A popstar in the making – würde der NME wohl schreiben.
Nach diversen Launen des Wettergottes, die allerdings aufgrund der guten Vorarbeit kein größeres Chaos anrichteten, wurde man am Samstag dann mit strahlendem Sonnenschein belohnt. Was vor allem Okkervil River zugute kam. Machte man sich nach dem düsteren „Black Sheep Boy“ noch Sorgen um die Verfassung des Will Sheff, bewies er nun mit leidenschaftlicher Band und Performance und neuen Hymnen wie „Unless It Kicks“, wie man Pathos, gesunde Arroganz und poetische Lyrics dermaßen mitreißend auf die Bühne bringt, dass das Publikum nur zu gern das Klatschvieh gibt und auf Wunsch gar ins „german clapping“ verfällt. Iron & Wine hatten dann leider die gegenteilige Wirkung, was nicht an ihren tollen Songs lag, sondern an der Darbietung. Statt reduziertem, wunderbarem Folk gab es meistens in die Länge gemucktes 70s-Gegniedel. Die wahren Samstagsheadliner waren im Anschluss The National. Ein einziges Best-Of-Set, das einen von der ersten Minute emotional packte, und von vorne bis hinten perfekt gespielt war. „Mr. November“, „Abel“, „Apartment Story“ und das sich langsam erhebende „About Today“ zum Schluss. Dazu Sänger Matt Berniger zwischen Genie und Wahnsinn, Knurren und Singen, Weinflasche und Fotograben – so wollte man das sehen. Danach wirkten dann selbst die eigentlich ganz sympathischen Maximo Park ein wenig über – was sie aber nicht hinderte, souverän mit dem bekannten Bewegungs-Drang und -Ablauf ihre Show abzuziehen.
Am Ende lässt sich zu diesem Jubiläum nur gratulieren, vor allem weil die Stärken des Haldern Pop besonders zu Tage kamen. „Was wir können, können wir“, sagt Mitveranstalter Stefan Reichmann dabei ja immer gerne – und genau das sah man. Aus dem gewohnten Rahmen hat man in diesem Jahr wirklich das Maximum herausgeholt. Nur eine Sache fiel wieder besonders ins Auge: Die in sich ruhende und eher nach innen gefreute Euphorie des wohl erzogenen Publikums wurde nur äußerst selten mal durchbrochen. Ist ein Moshpit bei den Guillemots nun so schlimm? Muss man zwar laute, aber irgendwie auch witzige nachgereiste Hardcore-The-National-Fans angranteln? Muss man einen in die dritten Reihe polterenden Festivalguide-Redakteur, der bei den Flamings Lips tanzen und springen will nun unbedingt so doof anstieren? Das darf sich das sonst natürlich sehr nette Publikum gerne mal selber Fragen. Ansonsten kann man allen Beteiligten nur mit auf den Weg geben: Danke. Weitermachen.
Haufenweise Bilder vom 25. Haldern Pop gibt es übrigens hier.
Text: Daniel Koch
Tonspion, Motor, Regioactive, Rap.de









