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So war das Melt!
Schlafen nach dem Frühstück [22.07.2008]
Melt! bei Nacht
Foto: Marc Seebode
Nirgends ist ein Morgen so schön und zugleich so bizarr wie auf dem Melt! Festival in Gräfenhainichen. Obwohl das Wetter tagsüber von regnerisch über stürmisch bis angenehm alle denkbaren Gemütszustände zeigte, meldete sich die Sonne in den frühen Morgenstunden pünktlich und mit einem gleißenden Aufgang zurück. So konnte man zum Beispiel am Freitagmorgen zu den Beats der Isländer GusGus verpeilt und verschwärmt zusehen, wie die ersten goldenen Strahlen über den See, die Zäune, die Tribünen und natürlich die Bagger strichen, während man sich am Samstagmorgen mit in die Luft gereckten Armen hinter dem Zelt der Gemini Stage versammelte und es sich von den grandiosen Boys Noize ein wenig härter besorgen ließ.
Auch auf dem diesjährigen Melt! gab es wieder genügend Szenen und Bilder, die man nicht so schnell vergessen wird. „Schuld“ daran ist natürlich zu einem großen Teil die dankbare Kulisse der „Stadt aus Eisen“ Ferropolis. Die ehemalige Braunkohleförderstelle mit ihren gigantischen Baggern ist ja schon eindrucksvoll genug, aber erst durch die Inszenierung der zahlreichen von den Melt!-Machern eingeladenen Lichtkünstler bekommt die Kulisse ihre ganz eigene Magie. Aber auch das Konzept, erst spät zu starten und die meisten Bands zu ganz später Stunden auf die Bühnen zu bringen, trägt seinen Teil dazu bei. Denn der Line-up Mix aus Indie-, Techno- und Electro-Acts funktioniert einfach am besten, wenn nachts die Laser flackern.
Musikalische Highlights gab es am Wochenende genug, so viele gar, dass es schwierig bzw. unmöglich ist, hier alle zu benennen. Die „Headliner“ am Freitag – wenn man beim Melt! in dieses Kategorien denken kann – Editors und dEUS zeigten jedenfalls, dass sie tatsächlich das Zeug haben, solche Slots zu belegen. Während erstere wieder ihr ganzes mitreißendes Pathos in die Nacht warfen, verneigten sich dEUS vor der Tanzlust des Publikums und fuhren mit „Slow“, „The Architect“ und „Theme From Turnpike“ ihre wuchtigsten und groove-lastigsten Songs auf. Die Briten Does It Offend You, Yeah? kochten derweil das Publikum in der leider oft überfüllten bzw. nicht mehr zugänglichen Indoor-Location Melt! Klub durch, während Booka Shade souverän ins Neonlicht der tieferen Nacht führten. Ein Downer war allerdings der vergeigte bzw. abgesagte Auftritt der House-Pop-Hedonisten Hercules & Love Affair, die erst zwei Stunden später spielen sollten und dann – angeblich wegen technischer Probleme – gar nicht mehr auftraten. Der Red Bull Academy Floor jagte derweil die ganze Nacht vor geballten Fäusten und johlenden Fans die dunkelfiesen Beats von Goldie und seinem Metalheadz-Label gen Seeufer.
Der Samstag führte dann trotz Unwetter gen „Sonnendeck“. PeterLicht eröffnete nämlich und der Himmel öffnete sämtliche Schleusen. Trotzdem blieb Herr Licht trotzig. „Sonnendeck“ zum Regenschauer, dann das „Lied vom Ende des Kapitalismus“ im Schatten der Werbebanner. Das hatte Witz und Charme und zog erstaunlich viele Leute in den Regen. Als Dank endete der Gig dann auch im kurzzeitigen Sonnenschein, während PeterLicht sang: „Das ist unsere Zeit und sie leuchtet!“ Passte doch perfekt. Auf der Gemini Stage waren die Highligst vor allem bei den Newcomern zu finden. Die britischen Friendly Fires zum Beispiel, die hektisch-überdrehte Parts mit einem urbritischen Smiths-Pathos würzen und so für die seltsame Kombination aus Tanzwut und Gänsehaut sorgten. Schaff auch nicht jeder. Dass sie dann noch bei einer wegen einer Sturmwarnung anberaumten Unterbrechung, die Wartenden mit ihrem Backstage-Bier versorgten, sorgte für weitere Sympathie-Punkte. Auch Jape und seine Band, die schon mal in einem Song eine Bresche vom Pop zum Rave zum Songwriter-Indie schlägt, bekam den lauten Applaus, denn er verdiente. Heiß umfeiert auch der Gig von Whitest Boy Alive im Melt! Klub, bei dem leider wieder einige Fans draußen bleiben mussten, weil drinnen einfach nix mehr ging. Erstaunlich partytauglich dann das Set von MEN, den Zwei-Drittel-Le-Tigres, die sogar „Killing In The Name Of“ im Repertoire hatten.
Der neu dazu gezogene dritte Tag, an dem nur die Hauptbühne und die Gemini Stage bespielt wurden, entwickelte sich dann durchaus zu einem Erfolg, wurde er auch von vielen kritisiert. Aber warum eigentlich? Das Line-up war stimmig, hatte mit Neon Neon einen frühen Höhepunkt, mit den Battles wenig später gleich noch einen, brachte mit den etwas unzufrieden wirkenden aber souveränen Hot Chip die Meute zum Tanzen und hatte dann mit dem ersten Björk-Deutschland-Gig seit fünf Jahren einen krönenden Abschluss. Besprechungen der hier aus Platzgründen ausgelassenen Auftritte sowie Bildergalerien findet man übrigens hier zuhauf.
Die besondere Note des Melt!, das Licht, die Stimmung, die Location, die nie endenden Beats – all das scheint sich allerdings inzwischen fast zu sehr herumgesprochen zu haben, denn mit einer Besucherzahl von rund 20.000 hat man auch in diesem Jahr wieder massiv zugelegt. Und – das muss man auch feststellen – man ist damit an seine Grenzen gestoßen. So kam es am Freitagabend bei der Bändchenvergabe zu unschönen Szenen, als man dem Zuschauerstrom nicht mehr Herr wurde. Auch wenn sich die Lage wieder beruhigte, meldete sich später so mancher vergrätzter Festivalbesucher im Melt!-Forum. Auch die Campingsituation schien – glaubt man den Kommentaren – nicht ganz auf die Publikumsmengen ausgerichtet gewesen zu sein. Was allerdings, das muss man fairerweise sagen, Probleme sind, die noch jedes Festival hatte, das seine Besucherzahl vergrößert hat. Trotzdem ist es nun an den Veranstaltern, Stellung zu beziehen und für’s nächste Jahr die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.
Dennoch bleibt am Ende wieder mal ein wunderbares Bildergeflacker im Kopf – Erinnerungen daran, wie man erschöpft und glücklich nach dem Frühstück ins Zelt kriecht, wie man sich behutsam in die Nacht tanzt, um dann völlig auf- und/oder abzudrehen. Und natürlich bleiben die unvergleichlichen Melt!-Morgende, wenn die Sonne sich über dem Gremminer See erhebt und plötzlich alles noch goldener leuchtet als in der Nacht zuvor ...
Text: Daniel Koch
Tonspion, Motor, Regioactive, Rap.de









