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So war das Fashion Against Aids
Chicks On Speed als Geishajeckenkommando [08.02.2008]
Die Chicks On Speed mit ihrem Shirt
Die Nähnadel im Logo des DAA (Designers Against Aids), die in der ganzen Maria an die Wand projiziert wird, passt ausgesprochen gut dorthin. Denn: Der Club platzt heute aus allen Nähten. Aber wen wundert das? Die Kampagne „Fashion Against Aids“ des wohl allgemein bekannten Modehauses H&M hat gemeinsam mit dem Musikmagazin Intro geladen, hier für einen guten Zweck die Chicks On Speed zu feiern – für einen Fünfer Eintritt, der zudem komplett an den DAA gespendet wird. Klar, dass man so den Laden füllt. Allerdings fragt man sich nach einem Streifzug durch das Publikum, ob wirklich jeder weiß, auf was er sich da einlässt. Natürlich gibt es viele Damen und ein paar Herren bei denen man glaubt, man könne ihnen die Chicks-On-Speed-Platten oder -Bücher im Regal ansehen, aber der Großteil des Publikums scheint sich eher arglos in den Abend zu stürzen. Es kennt wohl jeder hier die „Hits“ „Kaltes Klares Wasser“ und „We Don’t Play Guitars“, aber was kennt man damit denn schon? Ein Gesamtkunstwerk wie diese Band (?) mit zwei ausnahmsweise mal eingängig ausgefallen Songs fassen zu wollen ist ein spinnertes Unterfangen. Es fällt also schwer, sich beim Ertönen des Intros zu entscheiden: Schaut man sich an, was auf der Bühne passiert? Oder konzentriert man sich auf den Nebenmann und beobachtet aus nächster Nähe wie sich das Lächeln freudiger Erwartung in eine verwirrte Presslippenfluppe verwandelt?
Von der ersten Sekunde an stehen die Zeichen auf Bildersturm. Videoprojektionen hinter der Bühne, flackernde Bildschirme. Irgendwo schreit jemand: „Kunst!“ Das trifft die Sache irgendwie. Dann kreischt’s aus den Boxen, die Chicks On Speed springen auf die Bühne und manch einer schaltet auf Schockstarre. Was zum Henker ist das? Die Kostüme sehen aus, als hätte sich eine Geisha zur Karnevalsbratze aufgedonnert, die Gesichter sind grell überschminkt, zwei der Chicks haben sich Proletenbärtchen an Wange und Kinn gepinselt und allesamt kreischen sie in ihre Mikros, irren über die Bühne, versuchen gar nicht erst, ihre schrillen Stimmen zu einem Chor zu formen. Da geht bewusst alles vorbei, kein Ton scheint getroffen, die Leute sollen genervt und nicht unterhalten werden.
Die Chicks On Speed setzen live auf kreatives Chaos, Anarchie, Reizüberflutung. Was da musikalisch passiert, scheint größtenteils aus der Dose zu kommen, auch die Mikrostimmen sind dermaßen effektbeladen, das man die Ansagen zwischen den Songs kaum verstehen kann. Ab der zweiten Nummer gibt es dann kein Halten mehr. Die Chicks On Speed sprengen die klassische Grenze zwischen Publikum und Band, laden es ein, auf die Bühne zu kommen, mitzutanzen, mitzusingen und all die lustigen Pappdinge und Instrumente mit in die Hand zu nehmen, die da herumliegen. Gelegentlich wird jemand ans Mikro gebeten, was natürlich zwiespältige Ergebnisse hat. Der verwunschene Adriano Celentano, der kurz auf italienisch ins Mikro schmachtet, ist großartig, den gelockten Prollspacken, der „Chicks On Speed sind die geeeeeeiiiiiillllllssssttttteeeennnnn!!!!!“ grölt, hätte man sich allerdings sparen können. Überhaupt: dieser Typ! Tanzt immer in der ersten Reihe, schawenzelt sich an die Chicks ran, als sei er auf der Tanzfläche einer dörflichen R’n’B-Disse. Das ist fürchterlich peinlich für alle Beteiligten, was man auch den Chicks ansieht. Aber der Lockenkopf hält sich einfach weiterhin für die geilste Sau im Stall – und hat damit natürlich am allerwenigsten verstanden. Die Chicks On Speed beschränken sich dabei auf's Singenschreiennerventanzen bis weder Publikum noch Künstler noch können.
Nach der Show zeigt sich, dass das Geishajeckenkommando seine Planziele erreicht hat: Verstörung, Verwirrung, Begeisterung, Gesprächsbedarf. Der Freund des aufgeräumten Popkonzerts klagt, das alles sei scheiße und platt und Playback und überhaupt, während sich die Gender-belesene Politikstudentin verstanden und gut unterhalten fühlt. Die Normalos dazwischen sind idealerweise sehr verwirrt und ein wenig inspiriert, während die obligatorischen Szenehasen in sich Ruhend sicher sind, den schrillsten Abend der Stadt erlebt zu haben. Und, was man auch nicht vergessen sollte: Dank der Aktion können nun die Einnahmen von 3.300 Euro an die Designers Against Aids gespendet werden.
Text: Michael Schütz
Tonspion, Motor, Regioactive, Rap.de









