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Das war das Haldern Pop 2010

Update: Jetzt der komplette Bericht vom Niederrhein [16.08.2010]

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Foto: Christoph Dorner

Drei Tage lang war das kleine Örtchen Rees-Haldern am Niederrhein das zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich größte Indie-Epizentrum Europas. Das Festival sah phantastische Auftritte von Laura Marling, Mumford & Sons, Beirut, Efterklang und vielen anderen. Christian Steinbrink und Christoph Dorner berichteten live vom Haldern Pop 2010.

Sa, 14. August
Die Nacht, das Finale:Mit ihrem akustisch-hypnotischen Krautrock hatten Junip in der Nacht zuvor die Konzertreihe im Spiegelzelt beendet – genau der richtige Rahmen für José Gonzales und seine unprätentiöse Art. Bei seinem ersten Haldern-Auftritt war Gonzales solo auf der Hauptbühne und im Spielplan direkt vor Paul Weller noch im allgemeinen Gemurmel untergegangen. Klar, der Schwede war damals auch noch weitgehend unbekannt.
 
Und doch schienen ähnliche Bedenken – armer kleiner Songwriter gegen der Rest der Welt - bei The Tallest Man On Earth nicht angebracht. Kristian Matsson ist auch ein ganz anderer Typ. Seine Stimme jodelt krächtzend über den Reitplatz, sein Bühnen-Gestus ist einnehmend-stürmisch und seine rauen Folk-Songs mit Blues-Motiven gehen gut nach vorne. Deshalb kann sich Matsson mit tollen Songs wie „The Gardener“, „You're Going Back“ und „King Of Spain“ locker behaupten, nur fällt vor allem bei seinen wirren Ansagen auf, dass er sich auch schon ziemlich viel Altbier hinter die Binde gekippt hat. Trotzdem ein Gewinner, der kleine Mann aus Schweden.
 

  • Fotostrecke: Haldern Pop 2010
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Fotostrecke: Haldern Pop 2010

Auch die Platzierung von Yeasayer als vorletzte Band auf der Hauptbühne könnte man als ein durchaus mutiges Experiment der Veranstalter bezeichnen, schließlich hat sich das Trio aus Brooklyn mit seinem umstrittenen zweiten Album „Odd Blood“ nicht unbedingt an die musikalische Grundströmung des Haldern Pop angepasst. Wie schon die Kritikermeinungen, so gehen auch die Reaktionen im Publikum auf Yeasayer weit auseinander. Die Mehrheit grantelt wohl ob des stilistischen Wildwuchses, der Falsett-Poppigkeit und der etwas kühlen Show der Amerikaner. Einzelne Nester in der Menge feiern jedoch gerade neue Songs wie „O.N.E.“ und „Ampling Amp“ gnadenlos ab. Fazit: Yeasayer sind trotz allem ein Gewinn für Haldern.
 
Neben Mumford & Sons hatte sich die breite Aufmerksamkeit im Vorfeld des Festivals vor allem um The National konzentriert, denen einen Großteil des Publikums 2008 einen geradezu magischen Auftritt auf dem Reitplatz attestiert hatten. Mit dem neuen Album „High Violet“ im Gepäck sollte das noch einmal zu toppen sein, keine Frage. Sänger Matt Berninger und Co. sind hochmotiviert, das merkt man sofort. Und doch wird es nichts mit der Magie, weil die Technik nicht mitspielt. Wiederholt müssen The National ihr Set wegen eines ausgefallenen Bassverstärkers unterbrechen, vor allem den Dessner-Brüdern an den Gitarren sieht man dabei den wachsenden Unmut über die Zwangspausen an. Und auch der Fokus auf die getragenen, fraglos majestätischen Songs des neuen Albums trübt den einstmaligen Eindruck einer Band unter permanenter Hochspannung etwas ein. Doch gerade alte Hits wie „Secret Meeting“ und „Mr. November“, bei denen Berninger noch aus seiner Haut fährt, sowie das abschließende „About Today“ entschädigen freilich mehr als nur punktuell. Es bleibt natürlich „Terrible Love“ zu The National.





Nachmittag / früher Abend:
zwei Tage stecken dem Publikum auf dem Haldern Pop bereits in den Tagen, von Müdigkeit ist am Samstag aber wenig zu spüren. Im Gegenteil: bereits Portugal. The Man werden mit ihrem irrwitzigen Stoner-Soul als zweite Band auf der Hauptbühne gefeiert als wären sie der eigentliche Headliner.

  • Fotostrecke: Haldern Pop 2010
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Im Spiegelzelt kämpfen derweil everything everything um das Krönchen des besten britischen Haldern-Newcomers aus der Rock-Ecke. Post War Years hatten am Vorabend mit hyperkomplexem Post-Soul-Kraut-Punk bereits eine gehörige Duftmarke gesetzt, doch was everything everything am Samstag Nachmittag an kompositorischem Allerlei auffahren, sprengt jeden Rahmen. Indie-Soul mit mehrstimmigem Falsett-Gesang, von Coldplay zu Mogwai zu Prince. Irre gut und knapp die Nase vorn.

Auszeit am Badesee. Man schwimmt und taucht, plötzlich entdeckt man am anderen Ende des Sees Scheinwerfer. Kraulen wir mal hin, vielleicht ist's ja ne Band oder zumindest ein Heiratsantrag. Nach 300m offenbart sich, dass The National am Uferrand für den Rockpalast unverhofft ein Akustik-Set spielen. Man hört "Terrible Love" und "Anyone's Ghost" und klatscht und geht dabei unter. Die Band grüßt freundlich zurück.

Zurück auf dem Reitplatz lauscht man Frightened Rabbit aus Glasgow, noch so einem Aufsteiger aus der Spiegelzelt-Liga, bei ihrem durchaus gewagten Versuch, sich mit einer ausgewalzten Brit-Hymne nach der anderen ständig aufs Neue zu überbieten. Es klappt - denn für Pathos in der richtigen Dosis hatte man auf dem Haldern schon immer etwas über. So ist es auch kein Wunder, dass die dänischen Kritiker-Lieblinge von Efterklang nach einigen Touren vor lichtem Publikum endlich den verdienten Lohn für ihren hochmusikalischen Post-Pop einfahren. Nach dem Konzert steht die Band ziemlich Baff vor einem minutenlang feiernden Publikum. So muss es sein.

Im Spiegelzelt beweist Villagers, der Coverboy des diesjährigen "Datt Blatt" (Programmheft), dass er in der Traditionslinie von Elliott Smith und Conor Oberst der nächste große Songwriter ist. Der junge Ire spielt intensive, mal ruhige, mal lärmende Folk-Songs, die in ihrer pronunzierten Royal-Ansprache vollauf unter die Haut gehen. Der kleine Prinz des Festivals. The Low Anthem spielen danach urigen Delta-Blues und lärmenden Echtzeit-Folk, während Intro-Redakteur Wolfgang Frömberg sich am Intro-Stand im Interview mit Yeasayer ziemlich weit aus dem Fenster lehnt: "Also, euer erstes Album finde ich ja besser als das aktuelle." Grinsen allerorts.
Am Abend spielen noch unter anderem The Tallest Man On Earth, Yeasayer und The National auf dem Haldern Pop. Eine Nachlese zu diesen Konzerten folgt in Kürze.

Fr, 13. August

Beirut: Zach Condon ist nicht so ein Charmeur wie Marcus Mumford, eher der Typ netter Schwiegersohn. Auch sein Brass-Folk-Kollektiv Beirut hat es im direkten Vergleich mit Mumford & Sons zunächst schwer, obwohl es auch konzentriert musiziert und höflich Danke sagt. Condon hat viele Hits seiner beiden Erfolgsalben "Gulak Orkestar" und "The Flying Club Cup" ausgespart und spielt stattdessen viele neue Songs und instrumentelle Folk-Arrangements. Condon hat es schließlich schon erlebt, wenn einem der Erfolg über den Kopf wächst. Zum Dank für einen hochmusikalischen, ehrlichen Auftritt regnet es zwischendurch eine Sternschnuppe.

Mumford & Sons: Jetzt schon DER Abräumer des Festivals. Nach einem herzzereißenden Gig im Spiegelzelt im Vorjahr und einer Tour durch die ganz großen Hallen sind Mumford & Sons finally back in Haldern. Oder wie der niederländische Ansager Hein Fokker es ausdrückt: "Hier kommt zusammen, was zusammengehört." So fliegen dem Quartett aus London auf dem übervollen Reitplatz die Herzen nur so entgegen. Songs wie "Little Lion Man" und "The Cave" werden innbrünstig mitgesungen, ein Mitsing-Melodie vom Publikum gar eigenwillig verlängert. Die Band dankt mit ehrlicher Rührung und sympathsichen deutschen Ansagen.

Rox: Das Feigenblatt des diesjährigen Haldern Pop. Von ihrem Label wird Rox seit geraumer Zeit als die nächste Soul-Sensation annonciert, im Mekka des Indie-Pop muss sie sich nun beweisen. Wie in Haldern auch schon in den vergangenen Jahren zu beobachten war, sind die Besucher für ein wenig Abwechselung dankbar. Der Rox-Gig versprüht die gute Laune, nach der ein Gutteil der Leute hier lechzt. Bigband-Soul der Traditionslinie conscious, mit vielen mehr als guten Momenten.

Laura Marling: Das war fast zu erwarten: Laura Marling tritt mit Unterstützung ihrer Londoner Folkrock-Buddys Mumford & Sons auf die Bühne. Ihre so klassisch und betulich gehaltenen Folksongs klingen dadurch noch eine spur voller und vollmundiger. Die mittlerweile recht zahlreichen Fans halten den Atem an und sind froh, das nicht verpasst zu haben. Kein Wunder - die Schlange vor dem Spiegelzelt zieht sich schon wieder endlos.   

Philipp Poisel: Nachdem der Freitag auf der Hauptbühne mit Triggerfinger und Detroit Social Club amtlich und gewöhnlich rockend beginnt, wird das letzte offene Geheimnis im Line-Up ohne großes Brimborium gelüftet: Es spielt der Shootingstar Philipp Poisel mit seiner Band. Manche zufällig vorbeilaufende Fans reagieren hoch erfreut, die meisten hätten sich aber einen größeren Paukenschlag erhofft. Denn Poisel setzt mit gefälligem Singer/Songwriter-Pop auf große Emotionen, ohne besondere musikalische Ausrufezeichen zu setzen. Dass er aber bald schon die große Bühne auch zu späterer Uhrzeit füllen können wird, ist bei dieser Musik so sicher wie das Amen in der Kirche.

Gary: Robert Stadlober hat es nicht einfach, zumindest als Musiker. Denn so ganz will man ihm den Indie-Rocker, der bitte mehr sein soll als ein Selbstverwirklichungsprojekt, nicht abnehmen. Dabei ist Stadlober letztlich ein riesengroßer Musik-Nerd, das merkt man bei Garys sympathischem Auftritt um die Mittagszeit in der neu geschaffenen Pop-Bar im Dorfzentrum. Von ihm werden zwischen den Songs ständig neue Pop-Referenzen gedropt, nebenbei wird gleich noch die Frühschoppen-Kultur glorifiziert. Die Songs selbst klingen ganz nach den Helden Stadlobers: etwas nach den Lemonheads, etwas nach Teenage Fanclub. "Das die uns hier spielen lassen", sagt Stadlober zum Schluss verwundert. Vielleicht ja auch deshalb. 

Do, 12. August
Seabear: Die Isländer sind da, natürlich in Mannschaftsstärke. Seabear verzaubern - was auch sonst - im Spiegelzelt mit ihren kleinen, rustikalen Folk-Stücken, die von bis zu acht Musikern immer größer aufgeblasen werden. Am Ende wird mehrere Minuten mit dem Publikum zusammen gesungen. Was bleibt sind lächelnde Gesichter auf und abseits der Bühne.

I Blame Coco:  Eliot Pauline Sumner singt die Höhen genauso wie ihr Papa Gordon, auch bekannt als Sting. Daneben kämpft sie sich auch in jungen Jahren bereits in die Tiefen einer Pop-Diva vor und baut in ohnehin astreinen, britischen Glitzer-Pop noch in den besten Refrain eine Melodie-Bridge hinein. Toll auch, wie sie sich in Leder-Schuhen, Shorts und Bourgeoisie-Sakko durch ihr Set kämpft und schon bereit scheint, ein großes Publikum um den Finger zu wickeln.

Beach House: Victoria Legrand ärgert die Presse-Fotografen. Nicht nur, dass die Sängerin partout ihr Gesicht hinter ihrem Lockenwildwuchs versteckt, Beach House blasen bei ihren ersten Songs auch dermaßen viel Kunstnebel von der Bühne, dass ein Schnappschuss von dem Duo aus Baltimore mit ihrer Pyramiden-Kulisse zur Lotterie wird. Abseits davon lösen Beach House die hohe Erwartungshaltung ein. 45 Minuten Pop auf den Spuren von Mazzy Star. Das Publikum im Zelt hat die Augen geschlossen und träumt.

Cymbals Eat Guitars: Nach dem Songwriter David Ford, der bravourös Blues-Motive im Brit-Pop durchdekliniert, der erste Belastungstest für die Anlage im Spiegelzelt. Die junge Band aus New York, in den USA seit 2009 mehr als nur ein Geheimtipp, hat mit ihrer Technik zu kämpfen, die Message kommt trotzdem rüber: der kratzigste und dabei doch hymnischte Indie-Rock seit Modest Mouse. Sänger Joseph D'Agostina brüllt sich heißer, ihm läuft der Schweiß in Sturzbächen von der Stirn. "You Fuckin Rock", ruft jemand aus dem Publikum. Stimmt.

Wie erlebt ihr das Haldern Pop 2010? Schreibt uns eure Kommentare unter diesen Artikel!
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Text: Christoph Dorner;Christian Steinbrink
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