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So war das Melt!
Nass, bunt, laut – und leider nun vorbei [21.07.2009]
Blick auf das Melt!
Der Freitag: Man fühlt sich, als sei man aus der Zeit gefallen. Die Welt ist eine einzige Nasszelle, Regenfäden verhängen die Sicht, Windböen schlagen einem entgegen. Die riesigen Bagger, die sonst schon nachts furchteinflößend schön sind, wirken im Regenchaos, als würden sie jede Sekunde in einem Wurmloch verschwinden. Nasse Menschen mit Kapuzen oder Wasser im Gesicht schieben sich vorbei, fluchen, lachen, johlen, rufen. Und plötzlich, laut und klar, aus den Boxen des Big Wheel Floors ertönt Blurs vielleicht wunderbarste Schmachtballade: „Out Of Time.“ Die letzte Amtshandlung des DJs (wer war’s eigentlich – Koze?), bevor der Floor aufgrund des Unwetters früher Feierabend machen darf.
Der erste Tag des zwölften Melt!-Festivals stand ganz im Zeichen einer Wetterlage, die man wohl keinem Veranstalter und Besucher wünschen mag. Und trotzdem, war es ein rauschendes Fest, bei dem man allerorts erkennen konnte, dass die Melt!-Gänger dem Scheißwetter weiterhin trotzen werden. Nachdem zunächst am frühen Nachmittag eines der prognostizierten Unwetter über Ferropolis hinwegzog, beschwerte war vor allem der trockene und schwülwarme Nachmittag und Abend eine wunderbare Festivalzeit, bevor einem einem ein weiterer mehrstündiger Regenschauer um drei Uhr noch ein wenig die Feiernacht vergrätzte. Was das für Folgen hatte, kann man hier noch einmal minutiös nachlesen…
Traditionell besorgte Markus Kavka mit seinem DJ-Set wieder den Festival-Kick-off, auch wenn er die erste Zeit zunächst nur fürs Personal spielte, da aufgrund der heftigen Regenfälle der Einlass um gut eine Stunde verschoben werden musste. Dann stürmten die ersten jedoch regelrecht den Beats hinterher, um das Wochenende mit dem obligatorischen Zeigefinger in der Luft zu eröffnen. Die Ehre, die Hauptbühne zu eröffnen, fiel dann den Cold War Kids zu, die aufgrund einer kurzzeitigen Absage der Foals (aus Krankheitsgründen) somit auf die Premier-Position vorrutschen und diese mit einem leidenschaftlichen Set würdvoll belegten. In der Gemini-Stage kam James Yuill mit seinen melancholischen Laptopfrickler-meets-Liedermacher-Sound zum Zuge, bevor Jazzanova mit ihrem doch recht schwülstigen Sound ein wenig die Luft verklebten. Neue Klänge und bewährte Kracher wie „Golden Skans“ besorgten die Klaxons, die live seltsamerweise immer mehr zur konventionellen Rockband zu mutieren scheinen. Glowsticks und schrille (Farb-) Töne findet man bei ihnen nur noch im Publikum. Ihr Sound ist davon aber eindeutig nicht betroffen, der scheint eher noch wilder zu werden. Gut so!
Im Coca-Cola Soundwave Zelt konnte man fast den ganzen Tag über den gitarrenlastigen Gegenpool zum Elektro-Schwerpunkt des Melt! finden. Bewährtes Songwriterhandwerk von einem immer guten Gisbert zu Knyphausen, instrumentalen Postrock von den grandiosen This Will Destroy You, leider im Soundmatsch versinkender Indiefolk mit Percussiondreschen von den Dodos und 60-inspierierten Weird-Rock von Soundtracks Of Our Lives. Lediglich die ultrahippen – aber a bisserl langweiligen – Virgins und La Roux fielen musikalisch aus dem Gitarrenrahmen. Letztere blieben die Antwort ein wenig schuldig, was sie denn nun zum heißen Scheiß diesertage gemacht hat. Ob’s wirklich ihr kühlcooler, 80er-Keyboardpop ist? Oder doch eher die charakteristische Haartolle?
Auf der Gemini-Stage bekamen The Gossip die Hütte am ehesten voll, in dem sie wieder einmal bewiesen, dass Beth Ditto Recht hat, wenn sie sagt, Gossip sei eine Band, die sie vor allem nur live sehen wollen würde. Die Crystal Castles hingegen machten wieder das, was sie am ehesten auszeichnet: Sie schrieen ihr Publikum an, ballerten Sounds durch die Nacht, die klangen, als würde eine Atari ST gemeinsam mit einem C64 eine alte Nintendo-Konsole vergewaltigen.
Auf der Mainstage schafften Travis mit den fast ein wenig angestaubten Mitteln aus guten Popsongs und charmantem Aufspielen das Publikum auf ihre Seite zu ziehen – kein Wunder, wenn man gleich so einen akustischen Charmbolzen wie „Writing To Reach You“ in den Abend haut. Zum prophetischen Hit „Why Does It Always Rain On Me kamen sie leider nicht mehr, da sie sich ein wenig mit der Zeit verhaspelt hatten, und man ihnen keine Überlänge zugestehen wollte. Vermutlich, um noch einmal die Bassmonster zu füttern, die dann wenig später beim Auftritt von Aphex Twin und Hecker dermaßen in die Menge brüllten, dass sich einem sämtliche Körperhaare aufstellten und die Hosenbeine schon flatterten, bevor der Sturm Ferropolis erreichte. Dazu verdrehten einem schräge bis schöne Videoprojektionen ganz wunderbar das Hirn und verwirrten einen gleich doppelt, weil man ja schon irgendwie klar kriegen musste, wie zum Henker man auf Aphex Twin tanzt. Architektur scheint da einfacher...
Tja – und an dieser Stelle des Abends erreicht dann der stinkwütende Wettergott Petrus das Gelände. Warum er so grantig war? Keine Ahnung. Vielleicht stand er nicht auf der Gästeliste, oder die Hotelbuchung hatte nicht geklappt, oder seine Olle hatte ihm mal wieder die Hölle heiß gemacht. Jedenfalls ließ er es am Melt! aus und schüttete einen mehrstündigen Regenguss samt Sturmböen auf die Stadt aus Eisen. Die Folgen: Unterbrechungen, vorzeitige Bühnenschlüsse, ein Trentemøller, der nicht auflegen konnte, eine Räumung des Gemini-Zeltes, da die Wassermassen nicht vom Dach fließen wollten, Pärchen, die sich gemeinsam in ihr Zelt mümmelten, um es nicht wegwehen zu lassen, unfreiwillige Aufenthalte im Damenklo, weil man bei dem Sauwetter nicht wieder raus wollte – und, wie berichtet wurde, einige rauschende „Leck uns doch am Arsch, Petrus“-Feierlichkeiten, wie zum Beispiel im VIP-Bereich des Melt!. Dort enterte Trentemøller nämlich ungefragt die Turntables...
Text: Daniel Koch
Tonspion, Motor, Regioactive, Rap.de









