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So war der Rock am Ring

Reunion Tour im Affenzirkus [10.06.2008]

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Die Hauptbühne im VIP-Tribünen-Blick

Campino hat den Rock am Ring ganz wunderbar getroffen, in dem er ihn im EinsLive-Interview einen „Affenzirkus“ nannte. Denn das ist er, und das bleibt er – er ist nicht nur Deutschlands größtes Rockfestival, sondern auch ein gesellschaftliches Event, das die Bussi-Gesellschaft ebenso in Scharen anzieht, wie die Saufbrigaden und eben auch den gemeinen Musikfreund. Der Erregungsgrad ist Affenzirkus-gemäß ein durchgehend hoher bei allen Beteiligten, sei es weil man die passenden Pumps zum passenden VIP-Lounge-Bändchen trägt und dem kleinen Ochsenknecht Schminktipps geben konnte, sei es, weil man den Tetrapack mit Schlumpfpisse auf’s Gelände schmuggeln konnte und schon zu Mittag nix mehr merkt – oder sei es, weil man gerade einen tollen Auftritt gesehen hat. Denn die gab’s dort zuhauf – was man bei all den kursierenden Abneigungen gegen diesen Riesenevent nicht vergessen darf.


Den Freitagabend verbrachte man am besten im riesigen Soundwave-Tent – nicht weil es draußen im bekannten Eiffel-Style schauerte, sondern weil man dort im Kleinen ein Phänomen beobachten konnte, das Kulturjournalisten schon längst als Trend ausgerufen haben: Die Verschmelzung von Elektro- und Rockmusik. Headliner Justice hatten da vielleicht noch die besten Karten, sind ihre dröhnenden Soundgottesdienste doch gar nicht so weit entfernt von der größenwahnsinnigen Inszenierung einer Überrockband. Erwartungsgemäß gigantisch war dann auch die Kulisse, die sich einem von den letzten Reihen aus betrachtet bot. Das Leuchtkreuz, die Amp-Aufbauten, die zuppelnden Gaspard Augé und Xavier de Rosnay, die auch eher aussehen wie die Roadies der Hellacopters und davor von der ersten bis zur letzten Reihe geballte Fäuste und springende Menschen, von denen nicht wenige eher die klassischen Rockbands auf dem Shirt hatten. Schwieriger wurde es dann schon bei CSS, wo es einzweidrei Lieder dauerte, bis die Menge in Schwung kam. Aber bei Songs über „Alcohol“ und über Liebesspiele zu Indierockplatten kriegt man auch eine RaR-Audience rum – vorausgesetzt man tritt mit der CSS-eigenenen Spritzigkeit auf und zeigt vollen Körper- und Stimmbandeinsatz. Faszinierend wurde es dann bei Róisín Murphy, die schon im Interview charmant großkotzte, sie und ihre Band seien viel mehr Rock’n’Roll als all diese Bands zusammen. Und überhaupt: „Disco is the new Rock’n’Roll!“ Das lebte sie dann später auf der Bühne vor, und man konnte z. B. sehen, wie drei Jungs in Metallica-Shirts fasziniert auf die Bühne starrten und ihnen der Atem stockte, als Miss Murphy mit Mint-Sakko, hauchdünnen Stretchoberteil mit nix drunter und modischem Hut zu ihrem Disco-Update über die Bühne tanzte. Die Reaktionen der drei: Zwei fanden sich plötzlich in geschmeidigen Disco-Dance-Moves wieder, und der dritte grantelte: „Ihr spinnt doch. Das ist doch Kacke. Ich bin weg!“

Rock am Ring also mal anders. Man konnte aber natürlich auch das beliebte Motto „Reunion Tour“ – frei nach den Weakerthans – ausrufen und am ganzen Wochenende schauen, welche alteingesessene, mal verschwundene und jetzt wieder existente Band für viel Geld ausgegraben wurde. Und da gab’s traditionell wieder einige Kandidaten am Ring. Am spektakulärsten war sicher die Rückkehr von Rage Against The Machine. Da drängelte sich die Masse dermaßen, dass man schon hundert Meter vor der letzten Leinwand nicht mehr weiter konnte. Und die Herren taten was für ihr Geld. Mit dem ersten Track „Testify“ explodierte ein Moshpit von vorn bis hinten, drei Leute in den ersten Reihen zündeten im Guerilla-Style bengalische Feuer – und wurden binnen Minuten von der Security entfernt. Trotzdem eine beeindruckende Show. Zack de la Rocha sprang herum wie frisch geliftet (oder nicht gealtert) und grinste beim Anblick der Crowd fast zu oft für einen alten Systemkämpfer. Songtechnisch wurde natürlich fast das gesamte erste Album geboten, mit „Killing In The Name Of“ als Drein- bzw. Zugabe. Die Bühneinszenierung wirkte dabei besonders in in ihrer Schlichtheit, weil man fast komplett auf Deko verzichtete, und lediglich einen riesigen Anarchy Star an der Rückwand erstrahlen ließ. Auch die Begrüßungsansage zielte auf zeitlos: „Good evening, we are Rage Against The Machine from Los Angeles, California!“

Zweiter Stopp der Reunion Tour, noch am selben Abend: Prodigy. Die es ja auch irgendwie immer noch gibt, und denen ganz ähnlich wie RATM auch nix wirklich Neues mehr einfällt – dafür beherrschen sie ihre Show allerdings noch aus dem FF, und wenn man auf ohrenbetäubenden Beatkrach, schwitzende Teufelshörnchenfrisurenträger und einen völlig überdrehten Maxim steht, oder einfach mal wieder 18 sein will, gefiel das durchaus. Die reunionierten The Verve hatten dann einen etwas schweren Stand, waren sie doch Opfer eines Booking-Supergaus und der Marotten eines verdrogten Popstars. Zum einen spielten nämlich unmittelbar vor The Verve die Söhne Mannheims – was die armen Verve-Fans auf eine harte Belastungsprobe stellte. Schlimmer war dann nur noch die Feststellung, dass einige Leute wegen den Söhnen Mannheims UND The Verve da waren. Das waren dann aber auch Gestalten, die gar nicht mehr wussten, welche Platte von The Verve sie jetzt eigentlich gut fanden. Der zweite Knackpunkt war, dass Pete Doherty The Verve um ihren eigentlich Headlinerslot gebracht hatten. Weil Dohertys Zug angeblich Verspätung hatte, spielten diese erst nach The Verve einen reichlich neben der Spur getorkelten Auftritt um 3 Uhr noch was. Dennoch war der Verve-Auftritt über alle Zweifel erhaben. Ashcroft gab den sonnenbebrillten Britpopmessias während Nick McCabe mit seiner Gitarre ziemlich eindrucksvoll zeigte, warum es schon was anderes ist, wenn The Verve The Verve-Songs spielen und nicht bloß Ashcroft mit Backingband. Neben den Greatest Hits, pardon Urban Hymns, gab’s z. B. auch das wunderbare „The Rolling People“, „Life’s an Ocean" und einen neuen Track.

Weitere Quasi-Reunions: Filter, die ihre wirklich guten Superhits der Alternative-90er „Hey Man! Nice Shot!“ und „Take A Picture“ mit übertriebener Ami-Arroganz, Billo-Rock-Posing und wackeliger Stimme völlig vor die Wand fuhren. Ach ja: Rock am Ring ist auch wohl das einzige Festival, bei dem Kid Rock noch auf die Hauptbühne darf, um mit musikalischleichter Kost und schweren Goldketten amerikanische Classics zu zerhackstückeln.

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Text: Daniel Koch
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