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So war das Highfield
Mein liebstes Festival [20.08.2007]
Das Highfield bei Nacht (die Seeperspektive)
Foto: Sebastian Dudey
Standortvorteil ist ein hässliches Wort – gar fürchterliches Managersprech. Nur leider trifft es vorzüglich das große Plus des Highfield-Festivals in Hohenfelden. Das liegt nämlich zum einen geografisch äußerst günstig in der Nähe von Jena, Erfurt und Weimar – und somit in einer Region, die von großen Touren oft übergangen wird. Dementsprechend ausgehungert und offen ist das Publikum aus der Umgebung. Zum anderen kann man der eigentlichen Festivallocation einfach nicht widerstehen: Direkt am Stausee gelegen, spielen die Bands nicht selten in den Sonnenuntergang hinein. Man kann sich vorzüglich ausklinken und jederzeit den beruhigenden Blick auf das Wasser suchen, wenn es auf der Bühne mal zu wuselig wird. Und Tretboot fahrende Rockstars sieht man auch nur dort. Die Mehrzahl der Orts- oder zumindest Regionsansässigen erkannte man in der Regel daran, dass sie mit den offiziellen Shirts, Pullovern und Girlies des Festivals bekleidet waren. Das mag auch daran gelegen haben, dass die ausnahmsweise mal sehr gelungen designt waren. Oft trug man es aber aus tiefer Verbundenheit zu der Veranstaltung, die nicht wenige als „Mein liebstes Festival“ bezeichneten. Gerade weil es in der Nähe gelegen ist, und weil es immer gut zu ihnen war – nicht zuletzt dank eines recht unkonventionellen Line-ups, das große Headliner mit Indieschmankerln und potentiellen Aufsteigern mischt.
Der Freitag wuchtete mit Interpol gleich düstere NYC-Schwermut auf die Hauptbühne. Die aber gar nicht unpassend wirkte, sondern am nebelverhangenen Stausee eine Gänsehaut verursachte, die man nur teilweise den niedrigen Nachttemperaturen zuschreiben konnte. Neue Stücke wie „The Heinrich Manöver“ packten einen ebenso wie die Klassiker. „Stella Was A Diver And She Was Always Down“ löste gar einen heftigen Moshpit aus – den man von Interpol-Gigs sonst nicht so kennt. Allerdings war es fraglich, ob tatsächlich jeder mit der Band vertraut war. So konnte man vor der Zugabe auch diese Unterhaltung bestaunen: „Aber ‚Smokers Outside The Hospital Doors’ spielen sie doch wohl noch, was?“ Antwort: „Bestimmt!“ Zuvor gab's ein wenig Sonnenscheinmusik mit den Shins, die ihren mal melancholischen, mal fröhlichen Indiepop wohl selten von so einer riesigen Bühne runterspielen. Schade eigentlich – sie kamen auch mit der vermeintlichen Headlinerrolle klar. Auch Tocotronic sorgten für euphorische Reaktionen, während die britischen Senkrechtstarter The Twang erst noch in den hiesigen Playlisten ankommen müssen - und trotzdem ihren Spaß hatten. Im Coke-Zelt wurde derweil übrigens mit der L.A.-Combo Silversun Pickups, den Bollertechno-meets-Emo-meets-Metal-Jungspunden Enter Shikari und den Berufsweirdos Trail Of Dead eindrucksvoll in die Welt gedröhnt, wie intelligenter, wuchtiger Rock heutzutage klingen sollte.
Der Samstagabend stand auf der Hauptbühne ganz im Zeichen des Emos – wenn man sich dieses ausgelutschten Begriffs heutzutage noch bedienen darf. Aber es war nun mal das erste Wort, das acht von zehn Befragten zum Thema Fall Out Boy und Billy Talent so einfiel. Beide Bands fühlten sich zwar sichtlich wohl auf der Hauptbühne und brachten große Teile des Publikums zum Ausrasten, in den hinteren Reihen hörte man dennoch Statements wie: „Pubertär!“ (Fall Out Boy). Oder: „Was’n das? Hardcore auf Helium?“ (Billy Talent). Wer darauf nicht so konnte, oder sich nicht mehr im richtigen Alter für diese Musik wähnte, ließ sich im Coke-Zelt von Dinosaur-Jr.-Gitarren ganz herrlich den Kopf waschen. J. Mascis und Lou Barlow immer noch kein Wort zuviel miteinander, aber immerhin mit dem Publikum. Gerade Barlow bewies Humor, in dem er skandierte: „Dinosaur Jr. versus Fall Out Boy!“ Letztere mussten in diesem Fall eindeutig den Kürzeren ziehen, obwohl deren Basser Pete Wentz ja angeblich einen der größten Schwänze im Rockbiz haben soll – wie man nach kurzer YouTube-Recherche herausfinden kann.
Begleitet von durchgehend perfektem 22-Grad-meistens-Sonne-Wetter lieferten am letzten Tag Jimmy Eat World den Soundtrack zum Sonnenuntergang. Der Verdacht liegt nahe, dass man die Jungs aus Arizona gerade deshalb um 19.15 Uhr auf die Bühne geschickt hatte. Mit „Bleed American“ und „A Praise Chorus“ eröffneten sie eine persönliche Best-Of-Show, die sämtliche Herzen zum Glühen brachte. Auch der neue Song „Big Casino“ vom kommenden Album machte sich gut zwischen den vertrauten Jimmy-Hits. Eher schmerzvoll ging es da bei Brand New zu, die musikalisch eigentlich nicht so weit von Jimmy Eat World entfernt wohnen, ihre Form von Emo aber noch im wahren Wortsinn betreiben und sich die Seele aus dem Leib schluchzten und schrieen. Bei Sänger Jesse Lacey musste man sich manches Mal regelrecht um seine psychische Gesundheit sorgen. Im Coke-Zelt blieb besonders der in Deutschland seltene Auftritt der Zwillinge Tegan & Sara in Erinnerung – wunderbar getimter zweistimmiger Gesang, Songs zwischen Indierock, Folk und Country und tolle Texte. Abschreckend waren dagegen die Auftritte von Silverchair und Ex-Soundgarden- und Audioslave-Stimme Chris Cornell. Bei Silverchair-Frontmann Daniel Johns wusste man gar nicht so recht, was mehr nervte: Sein „Kostüm“ das anscheinend beim „Fluch der Karibik“ ausgemustert worden war, oder sein penetrantes Anfeuern des Publikums, das eher arrogant den ehrlich ankam. Fürchterlich. Ebenso Cornell, der gelackt und gelangweilt auf der Bühne rumstand und nicht nur sein musikalisches Schaffen mit Füßen trat. „Black Hole Sun“, das mal eine düster-geklampfte Grunge-Ballade war, klang hier wie eine Schunkelnummer aus dem Seattle-Bierzelt. Und wer heutzutage Marleys „Redemption Song“ eins zu eins covert (und nicht Joe Strummer heißt), sollte als eh als Schleimer von der Bühne gejagt werden. Ach ja, seine eigenen Songs: Laaaaangweilig. Gruseliges Mainstream-Gegniedel mit Pathosgejaule aus der gemütliche Hundehütte eines alternden Rockstars, der das Bellen verlernt hat. Erfreulicher war der der Abschluss mit den Kaiser Chiefs, die schon bei ihrer nachmittäglichen Autogrammstunde gefeiert wurden. Die konnten einfach nix falsch machen: Mit zwei Hitalben, anfeuernden Chören und Frontflummi Ricky Wilson an Bord brachten sie den Abend und das Festival in schönster Mitsing- und Springstimmung zu Ende.
Text: Sebastian Siegmund
Tonspion, Motor, Regioactive, Rap.de









