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Carl Leighton-Pope im Interview

Das Gold von gestern ist die Scheisse von heute [04.06.2010]

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Illustration: Elisabeth Moch

Wer mit Carl Leighton-Pope über Rock’n’Roll spricht, darf keine Romantik erwarten. Für den Briten ist Musik vor allem eines: Business. Schon als er Ende der 60er im Marquee Club in London seine ersten Gigs sah, interessierte ihn vor allem das Drumherum. Seit 1972 ist er selber Geschäftsmann: Manager, Studiobesitzer und vor allem Veranstalter. Als solcher kümmert er sich heute um Leute, die für Profit stehen – von Weltstar Michael Bublé über „Wetten, dass...?“ - Dauergast Bryan Adams bis zu den Strippern The Chippendales.

Mr. Leighton-Pope, Sie sind seit Ende der 60er Jahre im Konzertbusiness tätig.


Gab es zuletzt eine Entwicklung, die selbst Sie als alten Hasen überrascht hat?

Ja, mich wundert, was für einen seltsamen Mythos wir produziert haben. Es ist der Glaube entstanden, dass heute Bands einfach nur lange genug auf Tour gehen müssten, um Karriere zu machen. Ein schwerwiegender Fehler.

Warum schwerwiegend?

Weil dieser Mythos junge Bands ohne weiteren Plan auf die Straße treibt. Es stimmt einfach nicht, dass Bands ihre Karriere allein auf der Basis von Live-Gigs aufbauen können. U2 zum Beispiel sind heute nicht allein deshalb die zweiterfolgreichste Band der Welt, weil sie ein guter Live-Act sind. Ohne ihre zigmillionen Plattenverkäufe, ihre Fernsehauftritte sowie Interviews für die Presse oder fürs Radio würden sie kein Stadion füllen.

Manche Bands denken heute, es gehe auch ohne all das.

Sie reden von Acts, die bereits oben sind und vergessen haben, dass sie nicht an der Spitze ständen, wenn die Medien sie nicht dorthin begleitet hätten. Es ist zudem ein Fehler zu glauben, ein Konzert beginne aus Sicht des Managements um 21 Uhr und ende mit der letzten Zugabe.

Sondern?

Für uns beginnt es mit der Ankündigung ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Konzertabend. Ab diesem Moment ist der Gig öffentlich. Es geht dann darum, eine Aufregung rund um das Gastspiel zu erzeugen. Mit Postern und Promotion, Songs im Radio und Ankündigungen in der Presse.

Ist das ein Grund, warum es heute keine Bands mehr gibt, die wie The Beatles in fünf Jahren sieben Alben rausbrachten und sich dabei auch noch entwickelten?

So ist es. Es dauert heute länger. Nehmen wir das Beispiel Michael Bublé: Als im September seine letzte Platte rauskam, lagen bereits sechs Monate harter Arbeit hinter ihm. Er war in praktisch jedem Land der Welt – jedoch ohne eine einzige Show zu spielen. Als wir dann parallel zum Album die Tourdaten offiziell machten, gingen die Tickets weg wie nichts. Dieser Erfolg fällt aber nicht vom Himmel. Er ist die Ernte harter Arbeit.

Nun ist Michael Bublé ein internationaler Superstar. Kleinere Bands können nicht so einfach ein Bohei erzeugen.

Nein, das ist verdammt schwer. Deshalb ist es durchaus schlechte Strategie, als junge Band viel unterwegs zu sein, denn die einzige Chance für einen Indie-Newcomer, in einer Stadt XY ein bekannter Name zu werden, ist, dort eine exzellente Show zu spielen. Das spricht sich rum – und wahrscheinlich ist der Club beim nächsten Mal voller. Zu glauben, man könne sich durch permanentes Touren eine Weltkarriere aufbauen, ist allerdings naiv.

Wie stehen Sie zum Internet als Karriere-Motor? Wird es in dieser Hinsicht überschätzt?

Alle reden beim diesem Thema noch immer von den Arctic Monkeys. Ja, da hat es geklappt. Aber es war eine Band – und es war vor fünf Jahren. Wir reden aber nicht von einem Business mit ein, zwei Bands. Dies ist ein Business mit ein, zwei tausend Bands. Nein, eine Band, die überhaupt die Chance auf eine langfristige Karriere haben möchte, braucht jemanden, der ihre Musik veröffentlicht – und damit meine ich nicht, sie auf MySpace zu stellen. Meine Definition von Veröffentlichung inkludiert die ganze Arbeit, die man in eine Band investieren muss, vom Vertrieb der Platte bis hin zur Promotion. Das ist klassische Labelarbeit.

Die sich immer weniger Plattenfirmen leisten können.

Das Interessante ist, wie gigantisch die Fallhöhe ist. Bis in die Achtzigerjahre konnte es wie folgt ablaufen: Sie sind in einem Club, sehen dort eine coole junge Band und denken sich: „Wow, die könnten es schaffen.“ Sie gehen mit einem Demo ins A&R-Department einer Plattenfirma, sagen im Brustton der Überzeugung: „Die werden groß!“ – und schon sind Sie Manager. Geht die Band dann tatsächlich durch die Decke, bekommen Sie schnell ein Scheckbuch, können sich neun weitere junge Bands aussuchen und mit denen Drogen- und Champagnerpartys feiern.

Sprechen Sie da aus Erfahrung?

Ich war 1983 Manager der Band Matt Bianco. Unsere Welt waren Flüge in der Business-Class und Limousinen, teure Diner-Partys und sonstige Annehmlichkeiten. Und auf welcher Basis? Ein paar Top-Ten-Singles in Deutschland. Die Kosten für diesen Lebensstil waren um ein Vielfaches höher als die Einnahmen.

Goldene Zeiten.

Dämliche Zeiten! Wenn heute eine Plattenfirma eine Band rausschmeißt oder eine Promotion-Tour streicht, handelt sie wesentlich klüger. Denn man darf eines nie vergessen: Wir reden hier über ein Business – und ohne Profit haben Sie dort keine Chance.

Stimmen Sie denn zu, dass Sie als Live- Veranstalter derzeit zu den Gewinnern in diesem Business zählen?

Es gibt größere Verlierer, aber die wahren Gewinner sind für mich ganz andere: die Verkäufer von Second-Hand-Gitarren. Fragen Sie mal, wie es denen in den vergangenen fünf Jahren ergangen ist! Die werden sie selig anlächeln, denn heute ist doch irgendwie jeder in einer Band, finden Sie nicht?

Vielleicht in England noch mehr als in Deutschland.

In England ist es so, dass jeder Jugendliche, der keinen Job hat, im Schlafzimmer Songs aufnimmt und sie ins Internet stellt.

Daraus entsteht eine große Vielfalt.

Prima Sache, aber fürs große Business uninteressant. Typischerweise nehmen solche Acts eine beachtliche Platte auf – und schon die zweite ist vollkommen egal.

Was muss denn eine Band können, die es heute bis ins große Business schaffen will?

Es reicht nicht, gut zu sein. Man muss neu sein. Neu ist aufregender als gut. Hinzu kommt, dass jeder Musiker, der es heute schaffen will, auch ein kluger Geschäftsmann sein muss. Früher hieß es noch, Musiker sollten das mit den  Zahlen lieber lassen. Wenn ich aber heute auf die letzten verbliebenen großen Acts schaue, stelle ich fest, dass das alles Geschäftsleute sind, die wissen, wie man Geld anlegt und wie man einen Business-Plan aufstellt.

Woran erkennt man eine Band, die vom Business keine Ahnung hat?

An der fehlenden Strategie für die ersten beiden Alben. Wer clever ist, schreibt schon vor dem Debüt genügend Songs für zwei Platten. Wer erst danach anfängt, liefert entweder Mist ab oder braucht zu lange. Und schon ist das Gold von gestern die Scheiße von heute.



Text: Fred Blumenthal

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